Aufgetaucht

Jahrelang dümpelten Warpaint mit ihrem morbiden Postpunk unter der Oberfläche der allgemeinen Wahrnehmung. Mit ihrem Debüt „The Fool“ heißt es nun Spot on!

Es ist ein langer Weg aus der Dunkelheit und ans Tageslicht. Auch bei Warpaint, wo schwarz die bevorzugte Farbe ist. Weniger, um kriegsbemalt dem Feind Kampfbereitschaft zu signalisieren als ihn durch den in tiefe Schwärze gehüllten Sound gefügig zu machen. Das klingt vielleicht etwas zu dramatisch, selbst für eine Band, deren geradlinige Gitarrenläufe konzentriert zwischen Post Punk und New Wave tönen und durch den warmen, ineinander verwobenen Mehrstimmengesang harmonisiert werden. Nicht umsonst nennen die Amerikanerinnen ihren Sound nautisch.
Nahbarer ist da der Blick auf eine der ungekünstelten Spontansessions, die im Internet kursieren und in denen die Girls mit zerschrammelten Gitarren und in durchlöcherten Hoodies ein sehr bodenständiges Verhalten beweisen. Im gemeinsamen Jammen liegt ohnehin die Zauberformel für den hypnotischen Sound der Band aus Los Angeles. „Wir schreiben Songs, in dem wir uns treffen, locker los jammen, bis wir etwas mögen, was wir weiter entwickeln können“, erklärt Theresa Wayman am Telefon.
Klingt nach einer entspannten Methode. Eilig, berühmt zu werden, scheinen Warpaint es ohnehin nicht zu haben, denn Pausen und Ausfälle ist die Band gewöhnt. 2004 tun sich die vier zusammen, spielen ein paar Shows und trennen sich kurz darauf wieder. Ein Jahr Pause folgt, in dem Wayman außerdem schwanger ist. Der Nachwuchs kräht während des Interviews fröhlich im Hintergrund. Er soll mal ein paar Minuten ruhig sein, raunt Mama Wayman ihm zu, sie müsse telefonieren. Solche Gespräche führt man also nicht nur mit den Freundinnen, sondern auch mit Mitgliedern aktueller Hypebands. Nicht schlecht.
2008 schließlich veröffentlichen Warpaint ihre erste EP „Exqusite Corpse“. Da sitzt Shannyn Sossaman noch an den Drums, verlässt die Band aber kurze Zeit später, um sich auf ihre Karriere als Schauspielerin zu konzentrieren. Sossamans Nachfolger Josh Klinghoffer hält es auch nicht lange. Die Red Hot Chilli Peppers werben ihn als Gitarrist ab. Das geht insofern in Ordnung als dass wiederum RHCP-Mitglied John Frusciante den Warpaint-Girls ihre EP mischt. „Exqusite Corpse“ jedenfalls ist ein voller Erfolg und mit Stella Mozgawa als Neu-Zuwachs an den Drums produzieren Warpaint sechs Jahre nach Bandgründung nun endlich ihr Debütalbum.
„The Fool“ sei dynamischer als die EP: „Stella als Drummerin macht einen großen Unterschied,“ erklärt Wayman. Aber auch „The Fool“ sei inspiriert von den düster-melodieverliebten Vorbildern wie den Talking Heads, the Cure, genauso wie von PJ Harvey und Siouxsie and the Banshees.
Bloß, bei dem langen Atem, der die Band so lange unter der Oberfläche am Leben erhielt, muss man da nicht in Sorge sein, dass in absehbarer Zeit die Nächste aus der Band aussteigt, um einer der zahlreichen Verlockungen Los Angeles’ zu folgen? „Nein“, sagt Wayman. Um zum Beispiel Schauspielerin zu sein, müsse man die Sache ernster nehmen: „Niemand von uns hat die Eier dafür, sich dort durchzusetzen. Musik dagegen ist eine emotionale Angelegenheit, die gibt uns einfach Auftrieb.“

erschienen in: Missy Magazine