Ein Lust-Gewinn

Erika_LustPlatte Plots und XL-Penisse machen Frauen nicht, fand Erika Lust. Die Schwedin nahm die Sache selbst in die Hand und dreht heute (sehr erfolgreich) weibliche Pornos. Ein Schlafzimmer in einer geräumigen, lichtdurchfluteten Wohnung in Barcelona. Abstrakte Drucke hängen an den weißen Wänden, auf dem Nachttisch steht ein Strauß bunter Sommerblumen. Auf dem zerwühlten Bett liegen ein Mann und eine Frau, nackt, verschwitzt, ekstatisch stöhnend. Das Paar hat Sex und Erika Lust gibt Anweisungen. „Enger zusammen!“, sagt sie „Ich will mehr Intimität, mehr Emotionen sehen!“ Erika Lust dreht Pornos. Pornos für Frauen. Seit die heute 34-Jährige 2005 ihren ersten Kurzfilm „The Good Girl“ im Internet veröffentlichte, ist sie eine der erfolgreichsten Macherinnen feministischer Pornos. Feminismus und Pornografie – das ist für die Frau mit dem berufsbedingten Pseudonym kein Widerspruch. „Sex ist gut, macht Spaß und ist gesund, wenn man auf seinen Körper hört.“ Sie sei diese negative Sicht auf Pornos leid, die nur das Negative und Aggressive sieht. „Als ob Sex schmutzig sei“, ereifert sich die gebürtige Schwedin und der Rotstich in ihren blonden Haaren funkelt feurig.
Erika Lust will die Pornobranche revolutionieren. Weg mit den Schulmädchen und den Machos, den normierten Körpern und den billigen Klischees. Lust will Realität zeigen, sinnliche Realität, in der genauso gevögelt wird wie in jedem anderen Porno auch, nur bitte ohne die weiße Ledergarnitur in der Villa mit Pool. Lust zeigt Paare, die sich eben noch um die Hausarbeit streiten und sich im nächsten Augenblick zu einem sadomasochistischen Schäferstündchen treffen. Oder die betrogene Frau, die sich beim Sex mit zwei Männern filmt – als Abschiedsgeschenk für den Ex-Freund. Realitätsnah, aber mit dem gewissen erotischen Extra.
So wie Lust selbst – bodenständig und auf erfrischende Weise glamourös. Ungeschminkt in Jeans und mit locker gebundenem Pferdeschwanz steht sie am Set. An den Füßen knallpinke Birkenstock-Sandalen, im sommersprossigen Gesicht ein strahlendes Lächeln. Erika Lust sieht aus, als verkaufe sie auf dem Biomarkt frisches Gemüse, und nicht wie jemand, dessen Assistentin gerade benutzte Kondome und einen Haufen Kleenextücher entsorgt. Zuhause warten ihre beiden Töchter, die jüngere ist gerade sieben Monate alt. Wenn sie und ihr Lebensgefährte mal eine Auszeit brauchen, buchen sie eine Nacht in einem stadtnahen Hotel – nur sie beide und ein großes Hotelbett.

Im Jahr 2000 kommt Lust nach Barcelona, um Spanisch zu lernen. Sie verliebt sich und bleibt. Ihr Freund arbeitet in der Verlagsbranche, für sie als Politikwissenschaftlerin sind die Jobaussichten schlecht. Sie fängt beim Film an, erst als Mädchen für alles, später als Produktionsassistentin und Location-Scout. 2004 dreht sie ihren ersten eigenen Kurzfilm, 2007 gründet sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten die Produktionsfirma „Lust Films“ und veröffentlicht noch im selben Jahr die DVD „Five Hot Stories“. Später erscheint die Dokumentation „Barcelona Sex Project“, in der drei Paare sich und ihr Sexleben vor der Kamera präsentieren. Außerdem schreibt sie ein Buch: „X – Lust für Frauen“, mit dem sie ihre Leserinnen zu „aufgeklärten Masturbatorinnen“ machen will.
„Wir Frauen müssen in dieser Industrie stärker mitmischen, unsere Stimmen erheben und unsere Version von Sexualität erzählen“, fordert Lust mit revolutionärem Habitus. „Je mehr wir werden, desto besser. Wir brauchen 30 Prozent dieses Business’, um etwas verändern zu können. Wenn du 30 Prozent hast, hast du die Macht, wirklich etwas zu bewegen“, sagt sie. Spätestens jetzt ist klar: Hier geht es nicht bloß um Sex, es geht um Politik.

Ihren ersten Porno sieht Lust als Teenager zusammen mit ihren Freundinnen, aus Spaß. Als sie 18 ist, bringt ihr Freund einen Film mit: „Einerseits war ich nicht wirklich angetan von dem, was ich da sah, andererseits reagierte mein Körper trotzdem.“ Die Diskrepanz zwischen dem, was ihr Kopf denkt und wie ihr Körper fühlt, erschreckt sie. Später, im Politikstudium, lernt sie feministische Theorien kennen und beginnt noch bewusster zu hinterfragen, was sie an den Pornofilmen stört. Warum sind Frauen in diesem Filmen nur dazu da, Männer sexuell zu befriedigen? Warum spielen ihre eigenen Gefühle keine Rolle? Ein Entwicklungsprozess setzt ein, von dem Gefühl, was ihr alles nicht gefällt, hin zu der Überlegung, ob das alles nicht auch anderes dargestellt werden könne. „Intellektuell, emotional, ein anderer Look“ – all die Dinge, die Lust persönlich wichtig sind und die nicht in der herkömmlichen Porno-Schublade zu finden sind. „Die Sexszenen in meinen Filmen sind realistisch und deshalb unterschiedlich“, sagt sie. Und ja, wenn es die Geschichte verlangt, ist der Sex auch mal weicher. „Mal willst du Kerzenlicht beim Sex, manchmal Neonröhren, manchmal willst du eine Frau, dann wieder einen Mann oder einen Dreier. Du willst verschiedene Sachen an verschiedenen Tagen.“

Vielfalt ist der Schlüssel zum besseren Porno: „Ich will unbedingt Vielfalt zeigen, in der Art, wie wir sexuelles Vergnügen erfahren, und auch in der Vielfalt weiblicher Körper und der der Männer“, sagt sie. „Ich mag normale Männer sehen und nicht solche, die aussehen, als verbringen sie ihre gesamte Freizeit im Fitnessstudio“. Und sie will mit Darstellern drehen, die wirklich Spaß an ihrem Job haben. Mit ihren Ansprüchen ist Lust ihrer Zeit bisweilen voraus. Als sie für ihren neuen Film Darstellerinnen suchte, kontaktierte sie auch eine Casting-Agentur in Budapest. Auf die Frage, ob sie mit den Frauen sprechen könnte, herrschte Ratlosigkeit. Wieso das denn, fragte man. Das seien alles tolle Mädchen. Als dann trotzdem Interviews via Skype zustande kamen, war Lust schnell ernüchtert. „Als ich wissen wollte, wie sie zu Sex stehen und was sie mögen, antwortete jede von ihnen: ‚Ich liiieeebe große Schwänze und Analsex ist sooo toll’. Völlig persönlichkeitslos. Das geht für mich gar nicht“, sagt sie kopfschüttelnd.
Die Regisseurin erhebt keinen allgemein gültigen Anspruch darauf, was Frauen im Pornofilm sehen wollen. „Sie wollen alles. Wir sind alle unterschiedlich – das gilt übrigens auch für Männer.“ Denn Erikas Lusts Filme zeigen Sex zwar aus weiblicher Perspektive, sind aber nicht nur für Frauen gedacht. Auch Männer wollen nicht immer nur den Typ Zuhälter sehen, vor dem sich die dauergeile ‚bitch’ winselnd windet. Von überdurchschnittlich großen Penissen als unrealistische Vorlage mal abgesehen. Manchmal vermeidet Lust das Wort „Porno“ sogar. Nicht, weil es ihr unangenehm wäre, aber sie weiß, dass „Pornografie“ für die meisten Menschen sofort ein gewisses Bild im Kopf hervorruft. „Silikonbrüste, Chauvinismus, das sind die Dinge, die Leute vor Augen haben. Deshalb sage ich manchmal, ich filme Sex, denn das klingt ungewohnter und die Leute fragen nach und stecken nicht schon in der Schublade drin“, erzählt sie. Obwohl Sex zu filmen natürlich auch nichts anderes sei als Pornografie, grinst sie.

„Cabaret Desire“, ihren neuen Film, dreht die Autodidaktin in elf Tagen. Für einen Porno ist das viel, für einen Film in Spielfilmlänge wenig Zeit. So müssen auch die Sex-Szenen innerhalb der knappen Zeit im Kasten sein. Das ist nicht einfach, denn Erika Lust legt Wert darauf, dass ihre Darsteller mehr in ihre Arbeit investieren als ein erregtes Glied. Der Sex und die Geschichte drum herum sollen echt wirken. „Shooting ist hart“, sagt Lust deshalb auch nicht zum ersten Mal während des Drehs. Aber sie sagt es mit diesem verschmitzten Lächeln in den Augen, das Menschen haben, die lieben, was sie tun. Und dann heißt es auch schon Aufbruch. Die angemietete Wohnung, in der sich eben noch das nackte Paar wälzte, wird verlassen, es geht zum nächsten Set. Dieses Mal in einer kleinen Bar. Lust zieht sich den bunten Turnbeutel ihrer Tochter über die Schultern und eilt davon. „Der Beutel“, lacht sie, „ist einfach am praktischsten beim Dreh.“

Wenn Erika Lust an diesem Abend nach Hause kommt, ist der Tag für sie noch lange nicht zu Ende. Dann warten die Kinder auf ihr tägliches Programm. Lust scheint über eine geradezu unermüdliche Energie zu verfügen. Wieder lacht sie und tut die Vermutung mit einer lässigen Handbewegung ab. Stattdessen erzählt sie, dass sie sich zwar wenig Sorgen darum macht, wie ihre Töchter mal den Job der Eltern bewerten werden, als vielmehr, was die Eltern befreundeter Kinder denken könnten. Deshalb deuten sie oft nur an, dass sie eine Produktionsfirma für Pornos haben. „Erotische Filme, speziell für Frauen“, erzählte ihr Partner mal einer Bekannten, die es ganz genau wissen wollte. „Oh, solche Filme wie Erika Lust macht?“ fragt diese begeistert.

erschienen in: Myself