Aggro-Püppchen

(c) Christopher Dadey

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Kate Nash tauscht Wimperngeklimper gegen Riot-Grrrl-Attitüde. Aber hat sie wirklich Wut im Bauch?


Huch, was ist denn da passiert? Als Kate Nash im Juni 2012 ihr Video „Under-estimate the Girl“ veröffentlicht, ist nicht mehr viel übrig von dem Popmädchen, das einst in „Foundations“ bittersüß ihren Herzschmerz besang. Stattdessen schaut eine trotzige Kate Nash in die Kamera, der Blick voller Verachtung, die Finger den dröhnend tiefen Bass zupfend. Fünf Monate später erscheint die EP „Death proof“ mit nicht minder verstörender Radau-Attitüde und rasanten Surfgitarren. Kate Nash lässt Courtney Love wie eine Warmduscherin aussehen und hat definitiv mehr als nur einen schlechten Tag. Und die Wut scheint noch längst nicht verraucht zu sein. Ihr drittes Album „Girl Talk“ ist eine Kampfansage an Sexisten und andere Arschlöcher und rotzt nur so vor angriffslustigem Riot-Grrrl-Punk. Also, was ist hier los?

„Video und EP sollten definitiv ein Vorgeschmack auf das neue Album sein“, erzählt eine ganz und gar nicht unfreundliche Kate Nash am Telefon. Im Gegenteil: Obwohl die 25-Jährige schon einen ganztägigen Interviewmarathon hinter sich hat, ist sie höflich und interessiert. Im Hintergrund bittet sie jemanden, die Tür zu schließen, damit sie sich besser auf das Gespräch konzentrieren kann. Vielleicht ist diese ganze Wutnummer bloß Fake, um die ins Straucheln geratene Karriere auf Vorderfrau zu bringen? Nash sieht das anders. „Für mich ist es eine natürliche Entwicklung gewesen, von den Songs, die ich vor zehn Jahren geschrieben habe, hin zu den aktuellen Stücken“, beleuchtet sie ihren musikalischen Wandel. „Meine Fans wird das nicht sonderlich überrascht haben – aber für die Öffentlichkeit, die mich als Künstlerin nicht wirklich kennt, wird es ein Schock gewesen sein.“ Und nach einer kleinen Pause, quasi als rebellische Ergänzung: „Aber ich finde es gut, die Leute zu verwirren.“ Nashs Fans ahnten wohl auch bei Hits wie „Foundations“ und „Do-wah-doo“ bereits, dass mehr in ihrem Idol steckt – ein schlummernder Vulkan nämlich. Schon ihr Debütalbum „Made of Bricks“ zementierte die Britin mit klaren Ansagen und deftigen fuck-yous. Und auf ihrem zweiten Album „My best Friend is you“ schrie Kate Nash Frust und Wut in Songs wie „I just loved you more“ oder „Mansion Song“ ungefiltert heraus. Dafür engagierte die Britin den ehemaligen Suede-Gitarristen Bernard Butler als Koproduzenten. Ebenfalls mitgemischt haben Bikini Kill und Bratmobile – wenn auch nur indirekt. „Sie haben mich geprägt“, erklärt Nash. Beiden Bands kommt eine Vorkämpferrolle in der Riot-Grrrl-Bewegung zu, die Anfang der 90er der männlich dominierten Punkszene die weibliche Stirn bot und Frauenbands vom Zwang befreite, adrett in Reih und Glied zu tanzen.

Stellt sich die Frage, wen Kate Nash heute noch mit ihrer Musik befreien will. Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert, und Frauen tanzen schon längst nach ihren eigenen Regeln. Die Musikerin sieht das anders. Sie deklariert sich selbstbewusst als Feministin, beklagt den Sexismus in den Medien und setzt alles dran, dass junge Menschen sich nicht in medial inszenierte Abziehbilder verwandeln. „Ich finde, wir sind zu weit gegangen mit celebrity-culture und den Magazinen, die Frauen extrem schlank und schön zeigen und damit einen ungeheuren Druck auf Mädchen und Frauen ausüben.“ Monatelang arbeitete sie für diverse Schulprojekte, in denen sie feststellte, wie viele junge Mädchen von Selbsthass getrieben sind und sich schlecht fühlen, weil sie nicht dem Bild entsprechen, das die Medien vermitteln. Gleichzeitig weiß sie, wie selbstverständlich Jungs Bands gründen – im Gegensatz zu Mädchen. Inspiriert von den US-amerikanischen Rock’n’Roll Camps for Girls, die den Musikerinnennachwuchs fördern, gründete sie kurzerhand den Rock’n’Roll for Girls After-School Music Club. Und rekrutierte dort die eigene Begleitband, mit der sie ihr Album in Los Angeles aufgenommen hat und auch live auf der Bühne spielt. „Es ist wichtig, den Mädchen ein anderes Bild ihrer selbst zu zeigen und sie zu animieren, selbst kreativ zu werden“, erklärt die Nash. Das gilt hoffentlich auch für Jungs? „Na klar“, ruft sie durch den Telefonhörer, „es ist doch egal ob du weiblich, männlich oder transgender, homosexuell oder heterosexuell bist. Es geht um deine Einstellung.“ Sie selbst pfeift am lautesten auf gängige Inszenierungsmechanismen. Als ein Journalist sie vor einigen Jahren fragte, warum sie es nicht mal mit Oben-ohne-Shootings versuchen wolle, antwortete Nash nur: „Ich habe genauso Hirn wie Brüste“. Und auf „Girl Talk“ schimpft sie im „Rap of Rejection“: „You tell me sexism doesn’t exist, if it doesn’t exist than what the fuck is this?“.

Trotz aller offensichtlichen Krawall-Attitüde: Auf „Girl Talk“ gibt es auch friedlichere Stücke. „Are you there Sweetheart?“ treibt ähnlich ertrinkend im Sound wie die Songs von Warpaint, „Ohmygod!“ hüpft poppig im Refrain und auch die erste Single „3am“ wird mit schnellspurigen Gitarren und Vocals eher einer Nummer von Those Dancing Days gerecht als dem Erbe der Riot Grrrls. Kate Nash sieht darin keinen Widerspruch. „Ich habe bewusst eine Popnummer als Single ausgewählt, weil die eine gute Brücke zwischen Altem und Neuem schlägt“, sagt sie und fügt mit Nachdruck in der Stimme hinzu: „Natürlich mag ich Pop nach wie vor.“ Und sie hat noch eine weitere Erklärung: „Die Sache mit dem Riot heißt ja nicht, immer nur wütend zu sein. Es heißt, das ganze Spektrum seiner Emotionen zeigen zu können. Emotionen, wie jeder normale Mensch sie hat.“ Emotional aufgeladen ist „Girl Talk“ ganz sicher. Wer das Album aber als Verweigerungsplatte, eine spontane Trotzreaktion oder – noch drastischer – als verzweifelten Versuch medial inszenierter Persönlichkeitserweiterung versteht, hat das große Ganze aus den Augen verloren. Oder gar nicht mitbekommen: Zu „My best Friend is you“ tourte die Britin durch Venues, deren Fassungsvermögen nicht gerade dem Hype um ihr Debütalbum entsprach. Die Ansagen waren nicht frech, sondern feist. Und am Keyboard hing ein Banner mit der Aufschrift: a cunt is a useful thing. Nash ist keine Teenagerin, die Löcher in die Markenjeans schneidet, um die biedere Mutti oder den Philister von nebenan zu entrüsten.

Natürlich ist ihr Riot-Grrrlism Inszenierung. Pop funktioniert so. Die Frage ist, ob eine Haltung dahinter steht. „Girl Talk“ erscheint auf Have 10p Records, Nashs eigenem Label, mit dem sie nicht nur einen Schritt in Richtung Unabhängigkeit macht, sondern außerdem anderen, insbesondere Musikerinnen eine Plattform bieten will. Es geht Nash darum, mit dem konventionalistischen Diktat zu brechen und das, was okay ist, individuell zu definieren. Riot-Grrrl-Dasein beginnt für sie im Kleinen: „Trag die Klamotten, mit denen du dich wohl, sicher und cool fühlst.“ Doch Emanzipation will erarbeitet sein, die persönliche comfort zone muss ausgeweitet werden. Wann gründet man eine Band? „Warte nicht darauf, dass etwas perfekt ist. Leg einfach los und lerne dadurch.“ Okay. Und wie kriegen Riot Grrrls das mit dem Selbstbewusst sein hin? Sie zögert keine Sekunde: „Ich war anfangs sehr schüchtern und nervös vor Shows, und es hat einige Zeit gedauert, das loszuwerden. Aber überleg mal: Alles, was du zum ersten Mal machst, macht Angst. Egal, ob es darum geht, auf der Bühne zu stehen, Fahrrad zu fahren oder jemanden das erste Mal zu küssen.“ Und dann legt Nash für alle Zögerlichen noch eine kostenlose Versicherung oben drauf: „Es ist kein Drama, wenn etwas schief geht. Das Leben ist zu kurz, also mach, worauf du Lust hast. Je öfter du es tust, desto besser wird es. Versprochen!“

Das Lustprinzip mag Kate Nash musikalisch unberechenbarer gemacht haben. Aber weder Karrierekalkül noch Gefälligkeit kann man ihr vorwerfen – als Riot Grrrl klingt Kate Nash einfach verdammt gut. Und fucking real.

erschienen als Titelgeschichte in: uMag