Du kannst keine Ja-Sagerin sein…

4.04.2014, Hamburg. Obwohl Tori Amos die Woche zuvor in Deutschland ihr kommendes Album vorgestellt hat, erreichen wir sie nun telefonisch in England. Tief und dunkel dringt ihre Stimme durch die Leitung. Bevor die Musikerin eine Frage beantwortet, nimmt sie sich einige Momente Zeit zum Nachdenken. Dann aber redet sie – lange und ausführlich. Zwischendurch lacht und scherzt sie – von Exzentrik keine Spur. Vielmehr vermittelt Tori Amos den Eindruck einer aufmerksamen und interessierten Gesprächspartnerin, die sich nicht scheut, Einblicke in ihr Leben zu erlauben – so erzählt sie über ihr Verhältnis zu Tochter Tash, die eigenen Teenagerjahre, was sie in ihrer Karriere bereut und wieso sie auch mit 50 noch knallenge Hosen auf der Bühne tragen kann.

Galore: Tori Amos, Ihr neues Album heißt „Unrepentant Geraldines“. Das lässt sich mit „reuelose Geraldines“ übersetzen. Sie sind seit fast 30 Jahren im Musikgeschäft. Gibt es etwas, dass Sie nach all diesen Jahren bereuen?
Tori Amos: Sofern es den Albumtitel betrifft, bedeutet ‚unrepentant’, sich für nichts zu entschuldigen, nichts zu bedauern. Das ist mein Statement als Künstlerin mit 50. Als Privatperson ist die Frage nach dem Bedauern etwas anderes. Ich bin sicher, jeder bedauert irgendetwas, von dem er heute weiß, dass er es anders hätte machen können oder sollen. Als Künstlerin aber habe ich mich spätestens mit der Arbeit an meinem Album „Little Earthquakes“ bemüht, meiner künstlerischen Vision treu zu bleiben. Es gab sicherlich Momente, in denen ich Menschen und Situationen etwas charmanter hätte begegnen können, aber ich habe immer für die Kunst gekämpft. Vor „Little Earthquakes“ erlebte ich mit meinem Debütalbum einen ziemlichen Misserfolg. Das hat mich bis heute eine Menge gelehrt. Heute weiß ich, dass wie du eine Botschaft übermittelst, genauso entscheidend sein kann wie deren Inhalt.

Galore: Zu einer dieser Lehren gehört es, weder die Erwartungen der Musikindustrie, noch die anderer Leute zu erfüllen, richtig?
Amos: Ja. Und es hat mich außerdem gelehrt, du kannst nicht zwei Meistern dienen. Du kannst keine Ja-Sagerin und gleichzeitig eine einzigartige Künstlerin sein. Du musst ‚nein’ sagen können, zu Produzenten und Regisseuren, zu den Mächtigen dieser Welt. Ich habe mich gewissen Entscheidungen widersetzt, wenn ich gespürt habe, dass es meiner künstlerischen Vision zuwiderläuft oder dass diese Entscheidung meiner Ansicht nach keinen Sinn macht. Das ist vor allem dann nicht so leicht, wenn du Teil eines Teams bist, das darüber entscheiden muss, ob jemand für den Job taugt oder nicht.

Galore: Was erschwert die Entscheidung dort?
Amos: Wenn du im Team bist und mutig genug, mich zu fragen, was ich von deinem Talent und deiner Leistung halte, bekommst du eine ehrliche Einschätzung von mir. Ich muss damit nicht immer Recht haben, aber ich sage dir, du kannst es besser von mir hören, statt später in der New York Times lesen. Ich sage offen und ehrlich, wenn die Struktur nicht solide ist oder irgendetwas musikalisch nicht stimmt. Man muss nicht mit mir übereinstimmen, das ist in Ordnung, eine persönliche Entscheidung. Aber ich kann nicht einfach da sitzen und Sachen erlauben, die in meinen Augen keinen Sinn machen, auch nicht als Teil eines Teams.

Galore: Wie formuliert eine Tori Amos diese Form der Absage?
Amos: Hoffentlich auf die richtige Art, aber das passiert nicht immer. Wenn Sie mich also nach Dingen fragen, die ich bereue, denke ich, dass ich in meiner Karriere manchmal etwas cleverer hätte agieren können. Vor allem wenn es darum ging, eine Botschaft diplomatisch zu verpacken, um die Egos der anderen zu streicheln. Damals in den 90er, bin ich sehr kompromisslos für das eingetreten, woran ich künstlerisch glaubte. Heute, mit 50, weiß ich, dass wie du eine Botschaft übermittelst, genauso entscheidend sein kann wie deren Inhalt. Manchmal sogar entscheidender. Wenn wir also über Bedauern sprechen, dann muss ich eingestehen, dass ich es öfters mit einem Löffel Zucker hätte versuchen sollen.

Galore: Aber erfordert Durchsetzungsvermögen nicht auch einen gewissen Akt der Rebellion?
Amos: Natürlich, wenn du für gewisse Überzeugungen eintrittst, kannst du es nicht jedem Recht machen. Du stellst Fragen, wirst unbequem. Es gab Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, die nur Leute in ihrem Team haben wollten, denen sie vertrauen konnten, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Das ist nicht immer angenehm. Oft bedeutet es zusätzliche Arbeit und mehr Aufwand, sich mit Dingen wieder und wieder auseinander zu setzen. Aber es ist ein wichtiger Teil des kreativen Prozesses.

Galore: Wie bringen Sie Ihrer 13-jährigen Tochter Tash bei, einerseits für ihre Überzeugungen einzutreten, andererseits, diese auch diplomatisch zu kommunizieren?
Amos: Ich glaube, das wird sie mit der Zeit von alleine lernen. Kinder beobachten ihre Eltern und übernehmen das, was sie sehen. Meine Tochter kennt mich nicht in meiner rebellischen Phase, sie kennt die Frau, die ihre Lektion bereits gelernt hat. Nicht, dass ich nicht noch immer dazulerne, aber ich habe meine Tochter erst spät bekommen. Das kann ein Vorteil sein. Ich hatte schon einiges an Lebenserfahrung gesammelt, als ich Mutter wurde.

Galore: Kennt Ihre Tochter die Tori Amos der 80er und 90er überhaupt oder interessiert sie sich mehr für die Musik der Jetztzeit?
Amos: Sie ist mehr an den gegenwärtigen Sachen interessiert. Allerdings hat sie gerade Nirvana für sich entdeckt.

Galore: Im Song „Promise“ besingen sie gemeinsam mit Tash die Beziehung zwischen Mutter und Tochter als Zwiegespräch. Es geht um Vertrauen, Verbote und das Verhalten nach einem Streit. Spiegeln solche Sätze die Beziehung zwischen Ihnen beiden zutreffend wider?
Amos: Neulich sprachen wir über die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern. Manche laufen gut, andere nicht. Wir haben uns darüber unterhalten, ab welchem Punkt diese Beziehung kippt und welche Art der Kommunikation dazu führt. Also haben wir einander Versprechen gegeben, um diese Art der negativen Kommunikation zu vermeiden. Manchmal herrscht durch gewisse Worte schon dicke Luft, bevor die eigentliche Diskussion überhaupt angefangen hat. Die Fronten sind verhärtet, ohne dass die Mutter oder die Tochter etwas Schlimmes getan haben. Denn weder die Mutter ist grundsätzlich schlecht noch die Tochter ist es. Trotzdem ist die Beziehung in dem Moment vergiftet. Und dann gibt es Geschrei und Tränen statt eines vernünftigen Gesprächs.
Ja, manchmal gibt es dann keinen neutralen Platz mehr, wo die Diskussion noch stattfinden kann. Es ist schwierig, denn die Mutter sieht einerseits, welche Konsequenzen das Handeln oder der Tochter hat und will verhindern, dass sie leidet, andererseits ist es aber auch wichtig, dass die Tochter ihre eigenen Erfahrungen macht, um aus ihnen zu lernen. Wie lange kann eine Mutter unbeteiligt bleiben, bevor sie einschreitet? Wir können nicht auf alle Fragen Antworten finden, aber die Diskussion ist es wert.

Galore: Wie engagiert ist ihr Mann in Erziehungsfragen?
Amos: Mein Mann Mark und ich haben unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten als Elternteil, entsprechend erfüllen wir unterschiedliche Elternrollen. Vor allem seit Tash größer ist, bin ich viel unterwegs. Dann kümmert sich Mark um das, was anfällt. Vor allem um die Schule. Tash hat mit elf entschieden, in London auf die School of Performing Arts zu gehen. Wir leben in England, Mark ist Engländer, er versteht das also alles viel besser als ich. Entsprechend kümmert er sich auch dann um die Schulangelegenheiten, wenn wir unterwegs sind

Galore: Sind Sie strenge Eltern?
Amos: Keiner von uns beiden ist über die Maßen streng, aber wir reden sehr viel mit Tash. Unsere Familie ist klein, aber wir stehen uns sehr nah. Wir wollen unsere Tochter ermutigen, dass es besser ist, wenn sie alles erzählt, auch wenn uns die Information vielleicht nicht gefällt. Wir finden es ohnehin heraus. Wir ermutigen sie, keine Geheimnisse voreinander haben. Sie hat neulich meinem Mann gegenüber gescherzt, wenn wir unseren Computer kindersicher machen, ihre arme Mum nicht mehr ins System käme. (lacht laut auf). Sie dagegen wäre sofort drin. Und sie hat Recht. Ihr Vater ist Tontechniker und arbeitet ständig mit Computern. Sie hat sein Talent geerbt, da mache ich mir nichts vor.

Galore: Abgesehen von Aufrichtigkeit, welche Werte möchten Sie Ihrer Tochter außerdem mit auf den Weg geben?
Amos: Vor allem Liebe. Die Sicherheit, geliebt zu werden, so wie du bist und nicht für das, was du erreichst oder kannst. Meine Mutter war und ist eine sehr fürsorgliche und warmherzige Person. Mein Vater ist, nun ja, eher der stoische Typ, und ziemlich stur, aber er hat andere Qualitäten. Jetzt, mit 85, kann er seine Gefühle besser ausdrücken. Aber es hat es schwer gehabt, dieses Gefühl bedingungsloser Liebe zu zeigen. Vielleicht ist es etwas, dass diese Generation nicht von ihren Vätern gelernt hat.

Galore: Ihr Vater ist Teil der Kriegsgeneration…
Amos: Ja, sowohl mein Vater als auch der Vater meines Mannes waren im Krieg. Aber der Vater meines Mannes war ein sehr warmherziger Mensch. Ich glaube, es hat meinem Mann sehr gut getan, so einen Vater zu haben. Er ist ebenfalls sehr warmherzig, obwohl er Engländer ist (lacht). Nicht zu Fremden, aber zu mir und seiner Tochter. Ich bin Amerikanerin und deshalb eher der Typ, der jeden in den Arm nimmt, was auch nerven kann. Aber so liebevoll wie meine Mutter uns gegenüber war, will ich auch meiner Tochter das Gefühl und die Sicherheit geben, unter allen Umständen geliebt zu werden.

Galore: Welche Werte sind außerdem wichtig für Sie?
Amos: Manieren, sprich gutes Benehmen. Ich meine damit vor allem, wie du andere Menschen behandelst. Dass du Ihnen respektvoll begegnest, nicht wegen ihrer Stellung oder weil sie der Boss der Firma sind. Ich habe Leute beobachtet, die in der Anwesenheit wichtiger Leute plötzlich extrem gute Manieren haben. Ehrgeiz fördert gutes Benehmen. Aber jeder verdient ein Mindestmass an Respekt. Dabei ist es viel einfacher, freundlich zu jemandem zu sein als unhöflich. Besser für deine Gesundheit ist es allemal.

Galore: Wie reagiert Ihre Tochter auf solche Vorstellungen?
Amos: Tash ist mit dieser Einstellung aufgewachsen und hat wirklich gute Manieren. Wir nennen sie manchmal die Elternflüsterin, weil die Eltern ihrer Freundinnen immer sagten, sie wünschten Tash käme öfter zu ihnen. Ich möchte aber auch, dass sie weiß, dass sie nicht nur Autoritätspersonen gegenüber höflich und freundlich sein sollte, sondern auch dem Assistenten des Assistenten. Denn der ist genauso ein Mensch und sollte nicht einen Deut weniger gut behandelt werden. Manchmal nervt sie das natürlich und sie wirft mir vor, ich solle mit diesem Hippiekram aufhören. Aber dann antworte ich ihr, dass Nettsein niemals eine Zeitverschwendung ist. Denn der Assistent des Assistenten, den ich vor zwanzig Jahren kennengelernt habe, ist heute der Senior Vice President der Firma. So sieht es aus. Also selbst wenn du nur deiner Karriere wegen freundlich sein willst, sei es.

Galore: Erinnern Sie sich an ihre eigene Teenagerzeit?
Amos: Oh ja (seufzt). Es ist eine harte Zeit. (seufzt wieder) Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mich früh gefördert und sogar Jobs vermittelt haben. Schon mit neun Jahren habe ich in der Kirche meines Vaters die Orgel bei Hochzeiten und Beerdigungen gespielt – das war billiger als einen Organisten anzuheuern. (lacht) Mein Vater dachte sich, zwei Veranstaltungen zum Preis von einem. Das war klug von ihm und mir half es auch. Ich konnte üben. Ich war zwar schon mit fünf Jahren am Konservatorium, ich konnte also spielen – wenn auch sicher nicht so gut wie der Organist. Immerhin konnte ich bei den Hochzeiten ein paar Popmelodien mit einbauen. Bei den Beerdigungen musste ich etwas vorsichtiger sein und die Beatles-Songs so abändern, dass man sie nicht erkannte.

Galore: Sie mussten also schon früh kreativ werden und eigene Variationen finden.
Amos: Genau! Aber ich will Ihrer ursprünglichen Frage nicht ausweichen. Ein Teenager zu sein ist hart. Es war damals hart und ist es heute noch genauso. Wir alle haben das erlebt. Neulich hatte ich eine verrückte Situation mit meiner Stylistin. Wir arbeiten seit 22 Jahren zusammen. Wir haben Outfits für meine anstehende Tour zusammengestellt. Plötzlich kommt sie mit knallroten Jeggins an. Sie sind super, sie sind bequem und du kannst dich auf der Bühne gut ihn ihnen bewegen. In den 80ern gab es so etwas nicht. Es gab Leggins, aber keine Jeggins. Trotzdem war ich skeptisch, mit 50 so etwas zu tragen. Meine Stylistin widersprach und sagte, sie sähen gut aus und mit einem weißen Top ganz lässig. Also erzählte ich ihr, wie ich mit 15 schon in knallengen Lederhosen in die Kirche kam, um den Kinderchor zu unterrichten. Natürlich sahen die Hosen damals anders aus, trotzdem dachte ich, es gibt sicherlich nicht viele Sachen, die ich mit 50 noch genauso trage wie mit 15.

Galore: Man kann aber davon ausgehen, dass Sie sich heute mit 50 wohler in Ihrer Haut fühlen als mit 15, oder?
Amos: Da möchte ich nicht lügen, aber ich bin sehr diszipliniert, um mich auf die anstehende Tournee vorzubereiten. Ich weiß nicht, ob ich mich letztes Jahr um die Zeit genauso wohl gefühlt hätte in diesen Jeggings. Ich habe schon viel an mir arbeiten müssen. 80 Shows zu spielen waren schon anstrengend, als ich noch 30 war. Ich habe meiner Tochter gegenüber meine Bedenken geäußert, dass es nicht viele Frauen in meinem Alter gibt, die eine solche Solo-Tour bestreiten. Es gibt nicht mal viele Songwriterinnen, die überhaupt eine Gelegenheit wie diese bekommen, schon gar nicht, wenn sie neues Material vorstellen; ich meine keine Greatest-Hits Veranstaltungen.

Galore: Sieht Ihre Tochter das genauso?
Amos: Nein, sie sagte, wenn ich diese Herausforderung annehme und 80 Konzerte lang eine tolle Show liefere, sei das ein Grund mehr für sie, sich darauf zu freuen, auch mit 50 noch als Künstlerin arbeiten zu können. Das hat mich umgehauen. Nun sehe ich diese Tour als große Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass Musikerinnen in meinem Alter sehr wohl eine Solotour bestreiten können.

Galore: Gab es noch andere Momente, in denen Sie das Älterwerden positiv wahrgenommen haben?
Amos: Für mich persönlich hat sich von 49 auf 50 eine Menge zu Positiven gewandelt. Letztes Jahr feierte mein Musical „The Light Princess“ am Royal National Theatre in London Premiere. Eine Kollegin dort gab mir einen Tag vor meinem 50. Geburtstag den Rat, alles, was ich in meinem Leben geleistet habe, als stärkend und unterstützend zu betrachten. All meine Werke sind wie ein Gebäude, das ich in den letzten 50 Jahren gebaut habe. Und alles, was nach 50 kommt, erweitert und vergrößert dieses Bauwerk. Statt sich von der eigenen Sterblichkeit abhängig zu machen, wird man sich seiner kreativen Stärke bewusst und wächst an seinen Fähigkeiten. Nur so strebt man nach dem Höchsten. Dieser Rat sowie das Gespräch mit Tash, haben für mich und meine Auffassung vom Älterwerden sehr viel verändert.

erschienen bei: Galore