Alles selbst gemacht!

(c) Mustafah Abdulaziz

(c) Mustafah Abdulaziz

Songs schreiben und produzieren, Bühnenoutfits nähen und ein paar schmissige Bewegungen für die Life-Show choreographieren. Die vier Berlinerinnen von Laing bestücken ihren Electric Ladysound nach dem D.I.Y.-Prinzip. Nach ihrem Weckruf „Morgens Immer Müde“ kommt endlich das Album „Paradies Naiv“. Verena Reygers hat im Laing-Baukasten gekramt.

Berlin, 28. September 2012, 00:10 Uhr. In der Berliner Max-Schmeling-Halle fand bis eben der achte »Bundesvision Song Contest« statt. Nun sammeln sich Moderator Stefan Raab und einige Bands im VIP-Bereich hinter der Bühne. Darunter natürlich die Sieger Kool Savas und Xavier Naidoo, die für ihr Projekt Xavas den ersten Preis eingeheimst haben. Aber auch die Zweitplatzierten und damit die umjubelte Überraschung des Abends: Laing. Ihr auf zeitgemäßen Pop getrimmtes Trude-Herr-Cover »Morgens immer müde« hat mit seiner sorgfältig choreografierten Performance das Publikum wach geküsst. Jetzt scherzen die vier Damen mit dem Gewinner-Duo und balgen sich für die Journalisten fotogen um die Siegertrophäe.Laing, das ist die Songschreiberin, Sängerin und Produzentin Nicola Rost zusammen mit den Sängerinnen Johanna Marshall und Atina Tabé sowie der Tänzerin und Mitchoreografin Marisa Akeny. Gemeinsam produzieren sie Electropop mit deutschen Texten, der nach Aussage von Rost »bewusst zwischen Trash und Glamour balanciert«, designen ihre Kostüme und choreografieren ihre Liveshows. Man kümmert sich im Hause Laing um alle Facetten der eigenen Identität, und das schon seit zehn Jahren.

Angefangen hat alles mit Nicola Rosts erster eigenen Wohnung. Dort hatte sie den Computer, den sie bei den Eltern immer mit den Brüdern teilen musste, endlich für sich alleine. »Es ging mir überhaupt nicht darum, Beats zu produzieren, sondern einfach darum, ein Vehikel für meine Ideen zu finden«, erzählt mir Rost, als ich sie im Sommer des letzten Jahres für die Intro-Newcomer-Rubrik »Wer wir sind« zum ersten Mal treffe. Zu Beginn ihrer Laufbahn als Produzentin habe sie zwar schon eine umfangreiche Plattensammlung gehabt, die von Elvis über Ace Of Base, Missy Elliott, Tobi & Das Bo bis hin zu »Ronny’s Pop Show« reichte, sowie jahrelangen Klavierunterricht genossen, trotzdem seien die ersten Beats aber völlig spielerisch und intuitiv entstanden. Alles war möglich. Schnell war klar: Rost wollte ihr Ding nicht als Solo-Nerd durchziehen. »Ich finde es total unsexy, Stimmen vom Band kommen zu lassen. Die Musik erforderte aber Backing-Gesang.« Echte Stimmen mussten also her. Nachdem Rost sich bereits einen Schlagzeuger für erste Auftritte organisiert hatte, fand sie über ihren Freundes- und Bekanntenkreis schließlich eine erste, dann eine zweite Sängerin und für die finale Besetzung noch eine Tänzerin. Seit diesem Zeitpunkt besteht Laing neben Nicola Rost aus Johanna Marshall, Atina Tabé und Marisa Akeny. Dazu gesellt sich live noch der Schlagzeuger Ketan Bhatti. Gemeinsam erlebten sie ein aufregendes Jahr 2012. Nach Auftritten im Vorprogramm von K.I.Z und Mia. sowie einer eigenen Tour erscheint nun das Debütalbum »Paradies Naiv«. Darauf zu hören ist die Laing-typische Mischung aus leichtfüßig minimalistischem Electropop und mehrstimmigem Gesang; immer tanzbar, aber mit zynischen Stolperfallen in den deutschen Texten. So besingen Laing beispielsweise in »Du und Du und Ich« den Vorteil von Dreier-Beziehungen, in denen nur alle drei Tage der Müll rausgetragen werden muss und immer einer in der Mitte liegen darf. Oder sie beschweren sich in »Herr Amor« mit einem förmlichen Kundenbrief über verschossene Liebespfeile.

Zwei Monate vor der Veröffentlichung treffe ich Anfang Januar eine sehr beschäftigte, aber trotzdem entspannte Nicola Rost in ihrem Ein-Raum-Studio in einem abgewrackten Hinterhofhaus an der Grenze von Prenzlauer Berg zu Friedrichshain. Auffällig sind der schlichte Schreibtisch mit MIDI-Keyboard und Laptop, die schwere, mit Schaumstoff schallisolierte Tür und eine abgenutzte grüne Sofa-Garnitur, die zum Fläzen einlädt. Bis tief in die Nacht werkelt Laing-Mastermind Rost hier am Sound, vor allem in den letzten Wochen, in denen sie schon einige Abgabe-Deadlines ihrer Plattenfirma fürs Album überschritten hat. Rost lächelt achselzuckend, als sie sich mit dem gerade noch organisierten Coffee to go in den Sessel sinken lässt. Diesen Stress muss die Perfektionistin wegstecken können, denn schließlich will sie alle Fäden zumindest mit in der Hand behalten. Obwohl Rost federführende Ideengeberin ist, missfällt ihr der Gedanke, Laing als ihr Soloprojekt mit angeheuerten Mitstreiterinnen zu sehen: »Wir nennen uns Band. Weil wir aber singen, wird uns oft unterstellt, wir seien keine richtige Band. Ich finde nicht, dass man erst zur Band wird, wenn man eine Gitarre oder einen Bass spielt. Unsere Stimmen sind unsere Instrumente.« »Projekt« als Bezeichnung funktioniert wohl auch nicht für ein Team, das wie Laing sein Ding gemeinsam so ambitioniert mit dem Ziel verfolgt, ganz oben in die Charts einzusteigen. Begrifflichkeiten sind wichtig für Laing. Schließlich sind es neben dem mehrstimmigen Gesang und den schlichten Beats vor allem Rosts Texte, die aufhorchen lassen. Orientiert an humoristischen Satirikern wie Erich Kästner oder Kurt Tucholsky, reimt sie raffiniert mit doppeltem Boden und unverhohlener Freude am Zynismus. »Ich bin ein großer Fan von Kästner. Man liest es, und sofort erschließt sich der Sinn, der dich dann eiskalt erwischt«, sagt Rost mit einem hintergründigen Lächeln. Unmittelbar hört man sie im Song »Ding Dong« voller Unschuld singen:

»Ding Dong, hörst du die Glocken läuten
Dein letztes Stündchen hat eben geschlagen
Ich bringe dich noch um die Ecke
Und dann müssen wir auch schon auf Wiedersehen sagen.
Ich mach dich kalt, kalt, kalt, kalt …«

»Uns ist es wichtig, dass die Leute schnell einen Zugang zu den Texten finden«, gibt sie mir zu verstehen. »Das macht viel mehr Spaß, als wenn du erst das Booklet durchlesen musst. Wenn die Texte dann noch einen Kniff oder Dreh haben, der sich erst beim zweiten oder dritten Hören offenbart, umso besser.«

Wie mit ihren Texten geht es Laing auch mit ihrem Image als Girlband. Obwohl der Spaß, den die Band bei Auftritten, Interviews und in diversen Video-Tagebüchern hat, völlig offensichtlich sei, komme nicht selten die Frage nach Zickenterror, so Nicola. Nach dem Motto: Das sind Frauen, die können doch nicht einfach nur Spaß miteinander haben. Doch, das können sie. »Wir sind alle total krasse Sprücheklopfer. Wer den besten Spruch landet, liegt vorne. Wir lieben rauen Humor.« Das verunsichere vor allem Männer, wenn sie mit der Band das erste Mal auf Tour sind. »Die denken, sie könnten gewisse Dinge oder Sprüche nicht machen, weil Frauen anwesend sind. Diese Etikette legen sie aber recht schnell ab«, sagt Rost und lacht, dass sich die Grübchen in ihre Wangen bohren. Auf der Bühne zeigen die Mädels etwas, das Bands nach den späten 80ern, frühen 90ern vielfach verloren gegangen ist: die Lust an der Inszenierung. Laing stehen nie nur adrett auf der Bühne und singen ein Lied oder lassen sich, schlimmer noch, von einer gigantischen Lasershow tragen. Immer singen die drei mit minutiös geplanter Choreografie. Mal falten sie eine Zeitung akkurat zum Beat, dann wieder schwingen Arme, Beine oder Kopf taktgenau in verschiedene Richtungen. Erleuchtet wird alles von Retro-Schreibtischlampen, die Laing live stets begleiten. Zwischendrin Marisa Akenys Auftritt: Breakdance, Standardtanz oder fantasievolle Drehungen im Schneegestöber, die Tänzerin liebt es zu überraschen. Was für die Band als Ganzes gilt. Die ausgefeilten Bühnenoutfits, die Rost selbst designt und die jeden Auftritt der Girls zum Hingucker machen, ohne den Zeitgeist oder eine bestimmte Szene zu bedienen, sind sehr wichtig. »Mich nervt dieses ›Zeig mir deine Turnschuhe, und ich sag dir, welche Musik du hörst‹. Wir wollen unbedingt Klischees umgehen«, erklärt Rost ihr Konzept, das keiner Richtung folgen will. Laing und ihr sorgfältig ausgesuchtes Team wollen auf keine Schiene geraten, auf der schon tausend andere Bands unterwegs waren und sind. Was ihnen dabei hilft, ist – wie schon bei Rosts Beatbasteleien mit Anfang 20 – das Trial-and-Error-Prinzip: »Ich glaube an die Originalität von Dilettanten, durch die großartige Sachen aus einer Naivität oder Unkenntnis heraus entstehen. Nach dem Motto: Wie geht das? Ach, ich mache das einfach mal.« Ob Song-Schreiben, Produzieren oder Klamotten-Nähen, just do it.

Rost selbst ist im Alltag eher unauffällig und straßentauglich gekleidet: schlichte Hose, Pulli, Turnschuhe. »Deshalb machen wir ja auch Bühnenklamotten, weil ich privat überhaupt kein Paradiesvogel bin. Auf der Bühne darf es aber abstrakter und vor allem losgelöst von Zeit, Stil und Ort zugehen. Schlicht und minimal sollen Musik wie Mode sein, aber eben auch Details hervorheben.« Solch ein Detail ist der Bandname, der sich wie ein roter Faden durch die Outfits zieht. Der kann groß und plakativ eingebracht werden wie auf den schwarzen Kastenkleidern vom Auftritt beim »Bundesvision Song Contest« oder unauffällig und filigran wie bei den Buchstaben-Ohrringen, die das Wort »Laing« ergeben, wenn alle Ladys in eine Richtung blicken. Um zu gewährleisten, dass diese Detailliebe der Band nicht verloren geht im Prozess des Wachstums, erweitert Nicola Rost ihre Crew bewusst nur um Leute, die den Laing-Gedanken verstehen und genau so umzusetzen wissen wie sie selbst. »Wir haben die Band ja nicht gemacht, um jemanden zu finden, der das übernimmt«, sagt Rost. Nur so kann der Balanceakt zwischen Trash und Glamour, der die Band prägt, weiterhin so gut gelingen: »Diesen Grat finde ich geil«, setzt Rost zum Abschluss unseres Gesprächs an. »Ich mag es, dass man nicht weiß, ob das jetzt ernst gemeint ist oder nicht. Ob es gut aussieht oder zu doll ist.« Damit liegen Laing genau richtig.

erschienen in: intro