Kreativität aus der Kiste

Künstler brauchen Raum. Zum Nachdenken, zum Ausprobieren, zum Suchen. Für manche gute Idee reicht aber auch eine dunkle Kammer oder ein kleines Schaufenster. Streifzüge durch die freie Kunstszene von Hamburg.

Ein Nicken, ein „Ja, mach ich“ – und schon sitzt Emil hinter verschlossener Tür. In einem großen Kasten aus schwarz bemalten Holzplatten harrt der 18-Jährige dann 20 Minuten in völliger Dunkelheit aus. Der Gymnasiast ist Teil eines Kunstwerks geworden, genauer: Teil der Installation des spanischen Künstlers Santiago Sierra, dessen provokante Werke die Sammlung Falckenberg ausstellt. Dort, im Hamburger Süden, hat der Unternehmer Harald Falkenberg rund 2000 moderne und zeitgenössische Arbeiten zu einer der weltweit bedeutendsten Privatsammlungen zusammengetragen.
Und mittendrin hockt nun Emil im Dunkeln und wartet, bis die Zeit verstrichen ist, die die anderen Besucher vorhin mit einem Würfel festgelegt haben. Auch dieser Würfel gehört zu Sierras Installation. Emil sammelt aber auch Inspiration. Denn er wird sich in den folgenden Tagen selbst als Künstler ausprobieren: Als einer von 30 Jugendlichen nimmt er am „Kunstlabor“ teil, einer Projektarbeit, in der Hamburger Schüler eine Woche lang die Gelegenheit haben, Kunst zu schaffen – ohne Benotung, ohne Erwartungsdruck und, zum Abschluss, mit einer öffentlichen Präsentation ihrer Werke.
Genauso vielfältig wie die Hamburger Kunstszene selbst sind auch die Möglichkeiten, diese Szene für sich selbst zu entdecken. Die Teilnahme am Kunstlabor ist nur eine davon. Schon bald beginnen die Kinder zu ahnen, welche fantastischen Welten sich ihnen in der ganzen Stadt eröffnen: Jedes Labor startet mit einer Führung durch die gerade aktuelle Ausstellung der Deichtorhallen, dem großen Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst und Fotografie. Kern dieser Einrichtung sind die beiden einstigen Markthallen zwischen HafenCity und Hauptbahnhof. Seit 2011 ist ihnen die Sammlung Falckenberg angegliedert, die im Untergeschoss der früheren Phoenix-Werk ein Hamburg-Harburg untergebracht ist. Sie öffnet mittlerweile (nach Voranmeldung) fürs allgemeine Publikum – und damit auch für das Kunstlabor.
Die Idee dafür stammt von Sabine Flunker. Als die Hamburger Bühnenbildnerin und Illustratorin vor einigen Jahren im spanischen Bilbao durchs Guggenheim Museum streifte, beobachtete sie, wie unkompliziert Kunst dort Kindern und Jugendlichen vermittelt wird. So etwas braucht Hamburg auch, dachte sie. Kurz darauf rief sie das Kunstlabor für Schüler von12 bis 18 Jahren ins Leben. Seit 2010 betreut die 48-Jährige zusammen mit dem Fotograf André Lützen die Veranstaltung, die mehrmals im Jahr in Kooperation mit den Deichtorhallen stattfindet. Deren Intendant Dirk Luckow beschreibt das Projekt so: „Das Kunstlabor will Jugendliche geistig, emotional und sozial fördern.“ Einerseits sollen diejenigen Zugang zu Kunst erhalten, die nicht zu den typischen Museumsbesuchern zählen, andererseits, hofft man, werden manche Jugendliche auf diese Weise inspiriert, ihr künstlerisches Talent zu erforschen und später vielleicht sogar zum Beruf zu machen.
Nachdem Emils Gruppe durch die Ausstellung geführt worden ist, ziehen sich die Jugendlichen ins Westwerk zurück, einen Kunstraum in der Innenstadt auf der Fleetinsel. An Tischen, voll bepackt mit Papier, Folie, Stiften, Scheren und Klebstoff, entstehen schnell die ersten Ideen. Der 12-jährige Georg zeichnet mit Buntstiften an einem Comic, in dem Hasen Bayern-München-Fans sind, Limonade schlürfen und Ausstellungen besuchen. Neben ihm zupft die 15-jährige Kristin Wollfäden aus einem Stück Teppich, entzwirbelt sie konzentriert und beginnt, die Fasern als Haare am noch kahlen Kopf einer Tonfigur zu befestigen.Während dieser Laborarbeit bleiben deren Initiatoren im Hintergrund. „Wir nehmen die Schüler ernst – egal, was sie machen oder in welche Richtung sie gehen“, sagt Flunker, und ihre lässig verknoteten roten Haare wippen dazu.
Ergebnisoffen sein, Suchen und ungewisse Prozesse zulassen – das könnte nicht nur ein gutes Motto für das Schülerprojekt sein, sondern auch für die ganze Hamburger Kunstszene, aus der immer wieder international erfolgreiche Künstler wie Daniel Richter, Jonathan Meese oder Hanne Darboven hervorgegangen sind.
Wenn die Jugendlichen in den folgenden Tagen das Atelier nach und nach mit ihren eigenen Arbeiten ausfüllen, folgen sie unbewusst der Fährte ihrer künstlerischen Vorgänger. Denn das Westwerk ist einer der ältesten „Off-Räume“ Hamburgs – das sind von Künstlern selbstorganisierte und verwaltete Ausstellungsorte, ohne deren Existenz wenig in der Szene passieren würde. Im Schanzenviertel, auf St. Pauli und in vielen anderen Stadtteilen bilden sie das Gegengewicht zu den etablierten Museen, Kunstvereinen und Galerien und bereichern die Hamburger Kunstwelt. „Extrem wichtig“ nennt auch Intendant Luckow diese Räume, deren Initiatoren untereinander gut vernetzt seien. Wer es an Elbe und Alster als Kunststudent mit seinen Werken in die Öffentlichkeit, ins Museum oder in eine private Sammlung schaffen will, der kommt an einem solchen Ort kaum vorbei.
Ähnlich den Kunstlaboren ermöglichen die inoffizielleren Schauen Kunst-Fans besondere Blicke ins kreative Herz Hamburgs.„Nichts ist aufregender, als die Stadt durch ihre Off-Räume kennenzulernen“, sagt die Galeristin Nora Sdun. Lange betrieb sie das „Trottoir“, einen freien Ausstellungsraum unweit des Hafens, so klein, dass er eher ein Schaufenster war. Besucher mussten vom Bürgersteig aus durch die Scheibe sehen – daher der Name. Seit 2010 leitet Sdun zusammen mit zwei Kollegen die Galerie Dorothea Schlueter nahe dem Rathaus. An Off-Räumen schätzt sie, dass zwischen Künstlern und Besuchern ein Dialog entsteht, bei dem Nachfrage, Trends und Preise keine Rolle spielen.
„Ich mag den Off-Bereich“, sagt der Hamburger Künstler Baldur Burwitz. „Da kann man auch mal Dinge durchsetzen, die vielleichtetwas absurder und in etablierten Häusern so nicht möglich sind.“ Denn Burwitz zapft für seine Performances schon mal Ausstellungsbesuchern mittels Luftentfeuchter Schweiß ab, um ihn in einem Zimmerbrunnen plätschern zu lassen. Der 42-Jährige, der in Braunschweig Bildhauerei und Installation studiert hat und gerade von einer Gastprofessur in Korea zurückgekehrt ist, will eine „humorvolle Auseinandersetzung“ mit seiner Kunst ermöglichen. Off-Räume seien auch für junge Talente gute Anknüpfungspunkte. „Du kannst dich von einer solchen Plattform aus sehr gut weiterentwickeln und Kontakte knüpfen, um auch internationale Ausstellungen zu bekommen“, sagt er.
Till Gerhard hält solche „Frei-Räume“ für eine lebendige Kunstszene ebenfalls für unverzichtbar. Neben seinem Illustrationsstudium wirkte der 1971 in Hamburg Geborene jahrelang am SKAMraum direkt auf der Reeperbahn mit. Dort, wo heute die „Tanzenden Türme“ aufragen, fand der Maler zusammen mit Gleichgesinnten einen Ort, an dem er eigene Ideen ausprobieren konnte, egal, wie seltsam sie zunächst wirken mochten. Heute arbeitet er in einem geräumigen Atelier, versteckt in einem Eimsbütteler Gewerbehinterhof gelegen. Vor der Tür wächst Gemüse in Blumenkästen, drinnen lehnen großformatige Ölbilder an weißen Wänden. Gerhard malt bevorzugt Naturlandschaften, deren Idylle durchgesichtslose Menschen, Farbirritationen und andere beklemmende Details gestört wird. Obwohls eine Arbeiten von New York über Oslound Malmö bis nach Madrid gefragt sind, lebt Gerhard nach wie vor in Hamburg. „Es gibt hier immer noch diesen freien Geist“, sagt er. „Hamburg – vor allem St. Pauli – war immer ein Ort, an dem nicht bewertet wurde, wie jemand ist und was jemand tut. Das hat sich in einem gewissen Maße bis heute bewahrt“, findet der Künstler. „Das macht diese Stadt für Künstlernach wie vor attraktiv.“
In aller Freiheit, ohne Leistungsdruck Kunst schaffen – eine Formel, der auch das Kunstlabor folgt. Einige Jugendliche aus dem aktuell elften Kurs sind bereits überzeugt: Kiki und Aylin, 15 und 16 Jahre, wollen jetzt nach ihrem Abitur unbedingt Kunst studieren. Und einige ihrer Vorgängerinnern und Vorgänger aus den ersten Kunstlaboren haben sich bereits bei der Hochschule für bildende Künste beworben. Hamburgs nächste Künstlergeneration hat sich auf den Weg gemacht.

erschienen in: Hamburg:Magazin