„Pornos können Beziehungen unterstützen“

594-laura-meritt-140083736012.5.2014, Berlin. Laura Méritts Wirkungsbereich liegt hinter einer Wohnungstür im fünften Stock eines Hauses im Stadtteil Kreuzberg. Vor der Tür weist ein liebevoll gemaltes Bild darauf hin, sich die Schuhe auszuziehen, hinter der Tür erstreckt sich eine lichtdurchflutete, behagliche Dachgeschosswohnung. Im Wohnzimmerregal stehen Bücher mit Titelstichwörtern wie „Vulva“, „Körper“ und „Liebe“. Im Regal unter dem Fernseher stapeln sich Porno-DVD-Hüllen. An den Wänden hängen bunte Collagen in unterschiedlichen Größen – erst auf den zweiten Blick als auffächerbare Vulven erkennbar. Mittendrin steht die Gastgeberin, Sexaktivistin Laura Méritt, groß, souveräner Händedruck, ein herzhaftes, ansteckendes Lachen. Méritt bittet Platz zu nehmen, schenkt Bio-Obstsaft ein und schaut ihrem Gegenüber unbefangen und direkt in die Augen. Ihre Offenheit verschließt sich während der folgenden Stunde nicht im geringsten, egal, ob die promovierte Philosophin über ihre Reisen in die große weite Welt des Sexes spricht, ihre Sammlung exotischer Dildos präsentiert oder erklärt, warum sexpositiver Feminismus auch für Männer eine Befreiung ist.

Galore: Frau Méritt, Muschi, Möse, Pussy, Vulva oder Vagina – Welches Wort für das weibliche Geschlechtsteil ist Ihnen das liebste?
Laura Méritt: Ich sage meistens Möse, pushe aber gerne Vulva. Denn unser Spruch ist „Viva La Vulva“. Das ist schön lautmalerisch und kommt gut an. Leider wird das Wort Vulva in der gegenwärtigen Anatomie nur für das Äußere benutzt wird, was komplett falsch ist. Etymologisch nachrecherchiert kommst du darauf, dass Vulva immer das Symbol für die ganze sexuelle weibliche Power war. Die Anatomen aber haben das einfach anders definiert. Dagegen wollen wir natürlich angehen.

Galore: Sie sind Kommunikationswissenschaftlerin, Sex-Aktivistin, Linguistin, promoviert in Philosophie und Organisatorin des Berliner PorYes-Awards, kurzum Ihre Mission ist Sex, trotzdem, wie erklären Sie einem Ahnungslosen, was Sie tagtäglich tun.
Méritt: Sicherlich würde der Begriff „sexpositiver Feminismus“ fallen, und ich würde sagen, dass ich sexualpolitische Kampagnen mache; dass ich mich dafür einsetze, das Wissen über Sexualität zum Allgemeinwissen zu machen, damit die Menschen lernen, dass es viel, viel mehr gibt, als Ihnen an Informationen oft mitgegeben wird.

Galore: Ist Ihr Tagesgeschäft Berufung oder Beruf?
Méritt: (lacht) Beruf kommt bei mir von Berufung, ja, klar, das hier ist mein Leben.

Galore: Auf Wikipedia heißt es über Sie, sie setzen sich für die Gleichstellung von transgender, transsexuellen, intersexuellen, lesbischen, bisexuellen und schwulen Personen ein. Da verliert man als Hetero-Person ein bisschen den Überblick und sieht sich vor allem selbst nicht mehr.
Méritt: In dieser Aufzählung steht auch, „ohne die Heterosexuellen zu diskriminieren“.

Galore: Und sie gilt auch für Männer?
Méritt: Ja klar! Das ist auch ein Irrglaube…
Galore: …dass Feministinnen Männer hassen.
Méritt: Genau. Es ist sehr schön, dass wir durch die PorYes-Bewegung diese Zusammenführung hinbekommen haben. Viele Männer sind dabei und erfahren, dass Feminismus bedeutet, alle Geschlechter in ihrer Vielfalt darzustellen. Dass nämlich auch Männer reduziert sind auf eine Konditionierung oder einseitige Darstellung. Es geht darum, Kategorien allgemein abzuschaffen, dass Gender, die Vorstellung von Geschlecht an sich, problematisch ist.

Galore: Zu welcher der genannten Gruppen zählen Sie sich?
Méritt: Ich habe klassisch hetero angefangen und bin dann dort an die Grenzen gestoßen, die das eben mit sich bringt (lacht). Ausgehend von einem grundsätzlichen Interesse an Sexualität, wie geht das, wer kann mir da etwas beibringen, ohne, dass ich nur learning by doing praktizieren wollte, habe ich dann versucht Menschen zu finden, bei denen ich etwas lernen kann. Das ging für mich damals nur in den USA, in Städten wie San Francisco und New York. Dort kommst du dann ganz automatisch mit tollen Menschen in Kontakt und öffnest dich entsprechend für neue Erfahrungen. Ich habe aber auch schon während meines Studiums in Trier gemerkt, dass ich sehr experimentierfreudig bin. Mittlerweile würde ich mich gar nicht mehr festlegen, weil ich das nicht sinnvoll finde (lacht) und weil es auch ein politisches Statement ist.

Galore: Sie haben dann Trier zugunsten San Franciscos verlassen?
Méritt: Nein, in den USA gelebt habe ich nie. Aber ich habe begonnen, viel zu reisen und zu recherchieren, wo kann ich etwas lernen ohne bei Osho oder bei den Baghwans zu landen. (lacht) Deren Lehren haben zwar auch ihre Vorzüge, aber die sind ja nicht von Osho, sondern schon vorhanden gewesen.

Galore: Und das feministische Potential ist dort auch weniger gegeben
Méritt: Richtig! Und damals war ich natürlich noch viel radikaler und hätte sowieso nur bei Frauen gelernt (lacht)

Galore: Berühmt ist Sexclusivitäten auch für den freitäglichen Freudensalon. Was passiert an so einem Freitagssalon?
Méritt: Der Name verrät es schon, es geht um Lust und es geht um Spaß. Es ist mir ein absolutes Anliegen, Politik mit Freude zu machen. Der Freudensalon bietet einen Austausch über Sexualität, über Politik und Gender. Alle sind herzlich eingeladen und können auch Themen vorschlagen. Dann reden wir, schauen uns manchmal auch einen Porno an oder machen Übungen – das aber nur mit Ankündigung und niemand zieht sich aus. Im Freudensalon sind Projekte und Bücher entstanden, auch die Idee zum PorYes-Award. Gleichzeitig entsteht ein Netzwerk, wenn zum Beispiel Gäste aus anderen Städten da sind, die so eine Veranstaltung dann auch bei sich machen wollen. Überhaupt kommen jedes Mal neue Leute, was ich toll und spannend finde.

Galore: Können die Leute Sie mit all Ihrem Wissen und Ihrer Erfahrung denn überhaupt noch überraschen?
Méritt: Na klar, immer wieder! (lacht) Ich finde es vor allem schön, wenn sehr junge Leute kommen, die gerade mal 18 sind. Das sind so interessierte und nette junge Menschen, das finde ich super. Das ist auch ein Zeichen wider das Klischee, die junge Generation sei pornogeschädigt und verroht.

Galore: Ist so etwas wie Sexclusivitäten und der Freudensalon sowie viele Ihrer anderen sexfeministischen Aktivitäten nur in einer Stadt wie Berlin möglich
Méritt: Ich glaube tatsächlich, dass das so wirklich nur in Berlin geht. Weil hier auch viele Leute leben, die sich nicht gerne festlegen lassen wollen und viele Junge, die sehr an Queer interessiert und auch sehr politisch sind.

Galore: Sie selber stammen aus einer Kleinstadt. Wie verlief dort Ihre sexuelle Sozialisation?
Méritt: Wie man sich denken kann, nicht sonderlich umfangreich. Weshalb ich mich von dort aus auch von einer größeren Stadt bis zur nächsten gehangelt habe, bis ich schließlich in Berlin gelandet bin. Aber klar, unsere Eltern gehören einer anderen Generation an, die nicht aufgeklärt wurde und denen auch nicht beigebracht wurde, ihre Kinder aufzuklären. So habe ich mir alles nach und nach selber an Land gezogen, wobei ganz stimmt das nicht. Meine Eltern haben schon mal drüber geredet und uns auch Bücher hingelegt.

Galore: Erinnern Sie sich daran, wie Sie aufgeklärt wurden?
Méritt: Mit dem Reden war es nicht so doll, aber mein Vater hat schon mal ab und zu Sexmagazine mitgebracht, uns die hingelegt und gesagt ‚guckt euch das mal an’. Er hat nicht viel dazu gesagt, aber es fand, dass es wichtig war, während meine Mutter die Hefte nicht so toll fand. Letztlich hat sich das aber sehr gut ergänzt. Alles, was meine Mutter eher außen vor gelassen hat, hat dann mein Vater übernommen. (lacht) Bei uns im Schrank lagen auch Aufklärungsbücher. Außerdem hatte ich ja ältere Geschwister oder Bekannte, die auch einiges erzählen konnten.

Galore: Ein Tabuthema, das auch heute noch nicht gänzlich aus dem Weg geräumt ist, ist Masturbation. Erinnern Sie sich an Gefühle wie Scham und Unsicherheit?
Méritt: Ja, so etwas kam durchaus auch vor, obwohl ich mich lange Zeit auch sehr frei damit gefühlt habe. Ich habe zum Beispiel sehr viel Sport gemacht. Meine liebsten Sportgeräte waren Reck, Barren, Stufenbarren und Schwebebalken; solche Geräte wo immer schön um die Stange geturnt werden musste. (lacht) Daran hatte ich auch immer meinen Spaß. Irgendwann kam aber der Punkt, an dem ich dachte, da ist etwas nicht in Ordnung. Ich glaube, so eine negative Einschätzung kommt von außen. Ich kann es nicht mehr sagen, aber ich habe es ja auch irgendwie mitgekriegt. Ich glaube nicht, dass Kinder von sich aus das lassen würden. Es ist eine Energie, mit der du schön umgehen kannst. Meine Eltern haben oder hätten mich aber auch nicht davon abgehalten, zu masturbieren.

Galore: Wie haben Ihre Eltern Ihre Entwicklung hin zur Sex-Aktivistin überhaupt wahrgenommen?
Méritt: Am Anfang war es schon nicht so leicht. (lacht) Das ist ja klar. Aber mit der Zeit haben sie gesehen, dass es mein Ding ist, meine Berufung und dass ich damit auch Geld verdiene. Ich habe später auch promoviert und meine Mutter hat sowohl ein Interview beigesteuert als auch die Arbeit gelesen. Entsprechend hat sich das entwickelt. Genauso wie ich mich darin entwickelt habe, meinen Eltern gegenüber großzügiger zu sein. (lacht)

Galore: Oft fällt Menschen der Umgang mit sexuellen Themen und Vertretern leichter, wenn es quasi akademisch abgesegnet ist.
Méritt: Natürlich. Da ist immer noch die große Angst vor der Sexualität und vor dem vermeintlich Schmutzigen. Nach wie vor funktioniert es nach dem Prinzip Heilige versus Hure. Die Heilige ist klug und intellektuell, die Hure dagegen diejenige, die nicht studiert hat. Wenn doch beides zusammen kommt, mäßigt sich die Reaktion. Ich habe das auch festgestellt, als mich plötzlich ganz andere Leute angesprochen haben. Nach dem Motto, die hat das auch studiert, also muss es Hand und Fuß haben (lacht).

Galore: Wollen wir mal rüber gehen in den Raum, wo Sie Ihre Dildos und Vibratoren ausstellen?
Méritt: Ja, gerne

Galore: Sie bringen viele Toys von Reisen mit, welches Stück erzählt eine besondere Geschichte?
(Im Nebenzimmer, wo hohe Regale mit Dildos und Vibratoren in allen Farben und Formen bestückt sind, nimmt Méritt einen gebogenen Dildo aus rötlich-hellem Marmor in die Hand. Der obere Teil ist einem Frauentorso nachempfunden)
Méritt: So etwas ist sicherlich außergewöhnlich. Diesen Dildo habe ich mal in den USA bekommen. Man hat ihn aus Marmor wie eine Frauenbüste gestaltet und er ist einem indigenem Vorbild nachempfunden. Es ist mehr ein Ritualobjekt als ein Dildo, wie diese Steckgöttinnen…
Galore: Steckgöttinnen?
Méritt: In anderen Gesellschaftsstrukturen, überwiegend in Matriarchaten, die häufig eine andere Religiösität als die christliche oder die monolithische haben, werden Steckgöttinnen benutzt. Dort feiert man zum Beispiel Jahreskreise mit solchen Objekten, die überall hingesteckt, aber natürlich auch sexuell genutzt werden können.

Galore: Wie entdecken Sie solche Sachen?
Méritt: Das fliegt dir irgendwann zu, du bekommst einen Blick dafür. In Indien kann ich an einem Tempel von tausend Gottheiten auf Anhieb die Göttin finden, die eine weibliche Ejakulation zeigt. Ich sage immer „Wissen macht sexy“, sprich wenn du weiß, was du suchst, findest du es auch.

Galore: Und wie reagiert der Zoll, wenn Sie mit einem Koffer voller Sex-Devotionalien einreisen?
Méritt: Die kennen mich mittlerweile schon (lacht) Die freuen sich, wenn ich komme. Das ist ganz lustig. Früher allerdings, meistens, wenn ich in die USA gefahren bin, musste ich durchaus durch Kontrollen, die nicht immer so lustig waren. Die sahen dann auf dem Scanner zum Beispiel, was im Koffer ist und fragen mich, was das sein soll. Worauf ich antworte, „kennen Sie nicht“? Also ich frage schon zurück. Aber in den letzten 15 Jahren ist es eigentlich nicht mehr vorgekommen (lacht)

Galore: Abgesehen von diesen wunderschönen Schneekugeln, gefüllt mit kleinen Mösenobjekten und anderen Besonderheiten scheinen Sie mehr Dildos als Vibratoren in Ihrer Sammlung zu haben
Méritt: Nein, das würde ich nicht sagen. Dildos aber gibt es in größerer Vielfalt. Das hat vielleicht auch mit der technologischen Entwicklung zu tun, die in den letzten Jahren erst richtige Fortschritte gemacht hat. Ich habe keine Sachen, deren Mechanik nicht richtig funktioniert. Das Material muss ohnehin einwandfrei sein. Wir Frauen der Frauenbewegung waren ja auch die ersten, die darauf geachtet haben, welche Materialien in den Toys verwendet werden.

Galore: Auf Ihrer Webseite schreiben Sie „Schließlich macht ein Dildo allein noch keinen ekstatischen Frühling.“ Sondern?
Méritt: Sondern das, was du damit machst. Und das kann von der Einstellung, der Vorbereitung, bis zu deinem Gegenüber, also du, alles sein. Alles drum herum produziert die Ekstase, nicht der Dildo allein.

Galore: Es gibt Zahlen, dass bis zu 70 Prozent Frauen beim herkömmlichen Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau nicht zum Orgasmus kommen. Woran, glauben Sie, liegt das?
Méritt:  Ich kenne die Zahlen nicht, bin aber davon überzeugt, dass es nach wie vor so ist und dass es für viele noch die Norm ist. Das merke ich ja auch an den Menschen, die hier hinkommen und eine feste Vorstellung davon haben, nach welchem Muster man Sex hat, nämlich Schwanz in Möse. Dazu kommt noch die Vorstellung vom gemeinsamen Höhepunkt, dabei ist es aber meistens der Mann, der zuerst kommt und oft eben auch als einziger.

Galore: Was lässt sich gegen diese Vorstellung unternehmen?
Méritt: Sie zu überdenken, nämlich, dass die Ejakulation beim Mann nicht immer mit einem Orgasmus einhergeht, dass es viele unterschiedliche Sorten von Orgasmus gibt. Es gibt so viele Möglichkeiten, die man sich mal genauer anschauen sollte, bevor man die Latte so hoch ansetzt. Trotzdem bin ich guter Dinge, wenn ich zumindest hier in den Kreisen merke, dass viele schon ein Stück weiter sind und die, die dort noch nicht sind, von dem gegenseitigen Austausch profitieren. Das ist, was sexpositiver Feminismus bedeutet, nämlich Informationen an die Leute zu bringen. Das ist das Hauptziel. Denn Sexualität ist ein menschliches Grundrecht.

Galore: Warum gilt der Orgasmus als der ultimative Beweis einer erfüllten oder gelungenen Sexualität?
Méritt: Weil der Orgasmus überall so gepusht und als das Ultimative dargestellt wird. Der Höhepunkt und dieser Superorgasmus, der vor allem in den Pornos so extrem wichtig ist – besonders der des Mannes – wird überall zum unumstößlichen Ziel erklärt. Das hat auch etwas mit der Zielgerichtetheit der Gesellschaft zu tun, einzig den Orgasmus als Erfüllung zu deklarieren, statt die Wellenbewegung des an- und abschwellenden Glücklichseins.

Galore: Eine andere weit verbreitete Vorstellung neben der, Männer kämen immer ist, dass Frauen Pornos nicht mögen, sie nicht visuell erregbar seien. Was erwidern Sie?
Méritt: Das stimmt einfach nicht. Es gibt ausreichend Studien, die beweisen, dass Frauen total aufgeregt sind, wenn sie Pornos gucken, aber sagen, das es sie nicht anturne, weil sie eben auch den Geist einschalten. Mir geht das durchaus auch so. Man braucht mir nur einen Porno hinzulegen und ich bin erregt, entscheide dann aber darüber, ob ich jetzt diese oder jene Art von Sex haben will oder eben nicht. Ich bin natürlich Verfechterin des Sexpositiven, was ganz klar heißt, keine Zensur! Es geht nicht darum, etwas zu verbieten. Und ich werte auch nicht, wenn jemand politisch inkorrekten Sex gucken will.

Galore: Was wäre politisch inkorrekt?
Méritt: Wenn der Sex nicht konsensual abläuft, also wenn ein oder mehrere Parts nicht einverstanden sind. Das wäre für mich ein Grund, beim realen Sex einzuschreiten. Auf Leinwand dagegen ist das nicht so einfach. Da könnte es natürlich gespielt sein. Deswegen impliziert unser PorYes-Gütesiegel, dass wir die Bedingungen geprüft haben, unter denen ein Porno entstanden ist. Ob alles fair und mit Einverständnis der Beteiligten abgelaufen ist. Das funktioniert für uns auch deshalb, weil wir die meisten der Produzierenden kennen und alles übersichtlich ist. Je größer die Produktion ist oder je anonymer, desto schwieriger wird diese Überprüfung. Ob es um Bio-Fleisch oder Lust geht, das ist das Gleiche

Galore: In welchem Zusammenhang haben Sie Ihren ersten Porno gesehen?
Méritt: Ich glaube, das war, als ich bei meinem Bruder war, der in einer Männer-WG wohnte, wo er sich mit den Jungs gemeinsam einen Porno ansah. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, aber ich habe kurz bei ihm reingeschaut und die Tür dann wieder zu gemacht. Ich dachte, tja, die Jungs gucken das halt. Das ist ja heute nicht anders. Studien belegen, dass die Mädels davon ausgehen, dass die Jungs sich Pornos anschauen. Bloß sagen sie mittlerweile eben auch, dass sie umgekehrt genauso etwas haben wollen, dass ihnen visuell gefällt.

Galore: Wo kam der Punkt, an dem Sie gesagt haben, dass interessiert Sie doch?
Méritt: Das kam, als ich schon mit den Dildos unterwegs war. Unweigerlich kommt dann der Punkt, an dem auch Pornos eine Rolle spielen, der Punkt, an dem man sagt, wäre doch auch schön, wenn wir nicht nur tolle Dildos sondern auch tolle Filme hätten.

Galore: Hätten Sie auch eine Porno-Gegnerin, eine sogenannte PorNo-Aktivistin werden können, wie Alice Schwarzer sie ist?
Méritt: Ich bin sicherlich auch PorNo-Aktivistin, obwohl, nein Aktivistin nicht, aber in jedem Vortrag, in jedem Workshop, den ich mache, weise ich durchaus darauf hin dass 90 Prozent der herkömmlichen Pornos sexistisch, rassistisch und menschendegradierend sind. Der Unterschied zum PorNo ist, dass wir sagen, es kann auch etwas sehr Schönes und Inspirierendes sein. Wir sind nicht von der Zensur-Behörde

Galore: Im jetzt auf deutsch erschienenen „Feminist Porn Book“ nennen zwei Autorinnen das wiederkehrende Argument vieler PorNo-Gegner sei, Pornos seien eine „Bedrohung normativer Sexualität und anständiger Beziehungen“
Méritt: Im Gegenteil: Pornos können Beziehungen sogar unterstützen. Es gibt viele Pornos, die sehr inspirierend sind und die gerade langjährige Beziehungen befruchten können. Die feministische Porno-Pionierin Candida Royale macht zum Beispiel Filme speziell für Paare und arbeitet mit Sexualpädagogen zusammen. Es gibt einfach keinen Grund, Pornos zu verbieten! Abgesehen davon, bin ich der Meinung, dass Anleitungen für Analmassagen, Schwanz- und Mösenmassagen in der Gesundheitsabteilung stehen sollten. Natürlich ist das pornographisch, weil es explizit Genitalien zeigt. Es ist aber auch wichtig, dass es explizit ist, damit Kinder und Jugendliche lernen, was das eigentlich ist. Im Porno lernen sie es ja auch nicht oder sieht man jemals im Porno eine zurückgezogene und erigierte Klitoris? Man sieht keinen Safer Sex, kein Gleitgel, es wird direkt drauf los gevögelt.

Galore: Haben Sie sich schon mal mit Alice Schwarzer, einer ausgesprochenen Porno-Gegnerin darüber unterhalten?
Méritt: Nein, wir hatten nur einmal ein Treffen zwischen den PorYes und PorNo-Fraktionen in Köln, wo eine andere Emma-Redakteurin anwesend war, die natürlich im Sinne Alice Schwarzers argumentiert hat. Deren Tenor war, dass alle, die sich positiv zu dem Thema äußern, eigentlich nicht selbst entscheiden können. Wir lassen uns aber auch gar nicht groß auf diese Diskussionen ein. Das bringt nichts, nimmt uns die Energie, die wir für unseren sexpositiven Weg brauchen.

Galore: Sie haben „Scham“ aus Ihrem Wortschatz gestrichen? Gibt es andere Dinge, für die Sie sich schämen? Beim Schwarzfahren erwischt zu werden, Schweißgeruch oder ein schlechtes Namensgedächtnis?
Méritt: (lacht) Also wenn ich mich überhaupt schäme, dann, wenn ich in ein Fettnäpfchen trete und jemand unbewusst verletzt habe.

Galore: Werden Sie dann auch rot?
Méritt: Ja (lacht) Ich werde oft rot. In den letzten fünf Jahren hat sich das sogar noch verstärkt. Ich finde das aber nicht schlimm; gerade junge Leute reagieren dann überrascht und sagen, „Ausgerechnet du wirst rot“.

erschienen bei: Galore