Sister Act 3

Die aktuell wichtigsten Frauen im Pop sind nicht Beyoncé, Lady Gaga oder gar Miley Cyrus. Sie heißen Este, Danielle und Alana – Haim. Drei Schwestern aus Kalifornien, die sich in den vergangenen zwei Jahren mit einer Mischung aus perkussivem 90er-Pop und 70er Folk-Rock in die internationalen Charts gespielt haben. Trotzdem gelten sie gemeinhin noch als Geheimtipp.

Auf den ersten Blick wirken die jungen Frauen wie die nette Girlband von nebenan. Die langen Haare zum braven Mittelscheitel gekämmt, die Musik als harmloser Radiopop getarnt und wahnsinnig nett sind sie auch noch. Haim mögen aussehen wie Hippies. Sie sind aber Rock’n’Roll.
Da wären zum einen ihre Live-Shows. Mit Lederjacken, Jeans-Shorts und Vintage-Shirts bewaffnet, stürmen die Schwestern die Bühne und lassen Mick Jagger wie den zittrigen Rock-Opa aussehen, der er ja nun mal auch ist. Alana tobt sich mit in die Luft gereckter Faust am Keyboard aus; Este begleitet ihren Bass mit ekstatischen Grimassen und Danielle, Frontfrau und Gitarristin, spukt die Lyrics unter hochgezogener Oberlippe hervor. Im Publikum spreizen derweil Männer wie Frauen die Finger zum Rock’n’Roll-Gruß, singen textsicher jedes Wort mit und brechen nach jedem Song in frenetischen Jubel aus.

Die vollkommene Rockshow abzuliefern, das haben Haim von Kindesbeinen an gelernt. Este (28), Danielle (25) und Alana (22) wachsen in San Fernando Valley unweit der Glitzermetropole Los Angeles auf. Ihre Eltern sind Immobilienmakler, im Herzen aber Vollblutmusiker. Kaum können ihre Töchter einen Drumstick halten, setzt ihr Vater sie ans Schlagzeug. Später tritt die Familienband als Rockinhaim in Einkaufszentren und bei Benefizveranstaltungen auf. Obwohl die Band ein Hobby ist, nehmen alle Beteiligten sie verdammt ernst. So ernst, dass das Wohnzimmer einem ständigen Proberaum gleicht, und die Schwestern auch dann üben müssen, wenn sie lieber mit ihren Freundinnen durchs Einkaufszentrum streifen wollen. Heute sehen die drei das entspannt und keinesfalls so, dass die Eltern zu viel Druck ausgeübt hätten. „Du kannst nur dann ein guter Musiker sein, wenn du wirklich viel übst“, sagt Alana Haim und ihre Schwester Danielle nickt bestätigend. Die muss es wissen denn Danielle hat schon als Live-Gitarristin für The Strokes-Sänger Julian Casablancas oder CeLo Green auf der Bühne gestanden.
Haims Erfolg kommt nicht über Nacht. Jahrelang spielen sie Konzerte in den Clubs in und um L.A., oft nicht mal vor einem Dutzend Zuschauern. Versuche, Songs im Studio aufzunehmen, scheitern wiederholt an Produzenten, die Haim in ihrer musikalischen Vision nicht ernst nehmen und ihnen bloß das Image der netten Girlband aufzwängen wollen. Noch heute reagieren die Musikerinnen gereizt, wenn das Wort Girlband fällt. Das sei doch mittelalterlich, explizit zu erwähnen, dass man als Mädchen in einer Band spiele, ereifert sich Danielle in einem Interview gegenüber einer britischen Tageszeitung.

Haim sind eine Ausnahmeerscheinung im Pop. Nicht, weil sie als Frau auf der Bühne stehen sondern als Band. Musikerinnen gibt es mittlerweile jede Menge, aber meistens stehen sie am Mikro, wenn man Glück hat mit einer Gitarre um den Hals. Rock’n’Roll Bands wie Haim, in denen die Musikerinnen ihre eigenen Songs an den eigenen Instrumenten spielen sind dagegen immer noch Mangelware.
Mehr noch, Haim widersetzen sich dem vorherrschenden Bild der Frau im Popbiz. Sie mögen Titelbildschönheiten sein und Spaß an Mode haben, finden es aber wichtiger, dass der Sound sitzt, nicht das Outfit. Diskussionen mit Stylisten nehmen sie dafür gerne in Kauf. Vor allem zu Beginn ihrer Karriere seien die immer „mit irgendwelchen Fummeln“ angekommen, mokiert sich Alana, die eigentlich nur in Cut-Off-Shorts und Boots auftritt. Mittlerweile posieren die drei zwar auch in Designerklamotten, aber nur in denen, die sie selbst aussuchen. Sich selbst treu zu bleiben ist ihre Devise.
Das gilt für ihre Musik und ihren Style genauso wie für ihr öffentliches Auftreten. Haim verzichten auf Skandale, aber auch darauf, lupenrein, vegan und immer ausgeschlafen zu sein. Sie inszenieren sich nicht unablässig medienwirksam wie es Rihanna oder Lady Gaga tun. Die Mechanismen, mit denen die Leute sich heute zum Star machen, bedienen Haim nicht. Sie haben Wichtigeres zu tun. Natürlich pflegen sie die Nähe zu ihren Fans – Este und Alana lieben Twitter – aber sie vermitteln ein Bild vom Rockstarleben, das frei von inszenierter Perfektion ist und in dem Augenringe genauso Platz haben wie Tage, an denen sie im Pyjama zum Radiosender kommen, weil sie ihren Zug verpasst haben.
Dass Haim darüber hinaus alles selbst entscheiden und ihr Debütalbum nicht einfach nur von einem namhaften Produzenten arrangieren haben lassen, versteht sich von selbst. Sie fordern Mitspracherecht ein und nennen die Arbeit mit einem Produzenten Kooperation. „Es gibt Bands“, erklärt Este Haim, „die wollen klingen, wie der Sound, für den der Produzent bekannt geworden ist. Wir nicht. Wir wollen mit niemandem zusammen arbeiten, der uns seinen Stempel aufdrücken will.“

Haim arbeiten hart und unablässig für das Leben, das sie sich schon als Kinder erträumt haben: Auf der Bühne stehen und das Publikum rocken. Ob sie das als Frauen oder Männer tun, sollte egal sein. Ist es aber nicht. Das zeigen schon die wiederholten Fragen von Journalisten, wie das denn so klappt, mit drei Mädchen in einer Band. Als ob der Zickenkrieg vorprogrammiert sei, sobald mehr als eine Frau im Raum ist. Solche Fragen nerven Haim, denn statt Zickereien zelebrieren sie Solidarität. Untereinander, aber auch anderen Musikerinnen gegenüber. Zwar widersprechen sie der Einschätzung ihrer Musik als Mischung aus Fleetwood Mac und Destiny’s Child, betonen aber ihre Liebe für beide Bands. Genauso wie für so ziemlich jeden weiblichen Popstar von Joni Mitchell, Patti Smith und Kate Bush bis hin zu TLC, Gwen Stefani und Beyoncé. „Natürlich haben wir auch jede Menge Jungsbands gehört, die uns beeinflusst haben“, räumt Alana ein, „aber eine Musikerin, die erfolgreich ist, ohne das Tussiideal zu bedienen, hat eine starke Botschaft“.
Mit ihren musikalischen Referenzen emanzipieren Haim die Rockmusik von vorherrschenden Männerbands. Sie geben gerne zu, dass Danielles erste Platte von dem Eurodanceact Ace of Base stammt, und dass der Radiopop der 80er und 90er ihr größter Einfluss ist. Sie lieben L.A. Radio und zählen den Moment, als ihre erste Single im Radio lief zu ihren schönsten Erinnerungen. Dass ihnen deshalb der Vorwurf anhaftet, seichten Belanglos-Pop zu machen, stört sie nicht. Stattdessen gelingt es ihnen, Hipster und Rocker, Nerds und Radiohörer auf ihren Konzerten zu vereinen, um dann allen gemeinsam ihren wuchtigen Live-Sound um die Ohren zu hauen.

Haims Kompromisslosigkeit, ihr Faible für weibliche Musikerinnen und ihr Anspruch auf Solidarität belebt die Tradition der legendären Riot Grrrls, jenen Frauenbands, die in den 90er Jahren der U.S.-Punkszene entwuchsen, und sich mit den Männern gleichberechtigt schwitzend auf der Bühne verausgaben wollten. Sie beriefen sich auf weibliche Vorbilder, ermutigten sich gegenseitig dazu, Bands zu gründen und paarten Doc Martens Stiefel mit rotem Lippenstift. Musikalisch lag der Punkrock der Riot Grrrls zwar Welten vom melodischen Pop Haims entfernt, aber von der Haltung her, da ist Este Haim überzeugt, gibt es zahllose Überschneidungen.
Europa und besonders Deutschland erreichte die Botschaft der Riot Grrls damals bloß noch im verwässerten Girlie-Look und den von vermeintlicher Girlpower angetriebenen Spice Girls. Wieder so ein Haufen Frauen, deren Look am Reißbrett einer Plattenfirma entworfen wurde. Die Spice Girls tanzten und sangen, aber weder spielten sie Instrumente noch schrieben sie ihre eigenen Songs. Sie waren ein bloßer Konsumartikel. Die Riot Grrrls dagegen schafften den Sprung aus der Subkultur nicht mehr. Heute, zwanzig Jahre später, wächst der Einfluss von Musikerinnen zunehmend. Aber Haim sind die einzige Band, die sich anschickt, das Erbe des emanzipierten Rock’n’Roll dort zu verankern, wo er hingehört: Im Bewusstsein der breiten Masse.

 

erschienen in:  Allegra-Revivalheft