Haltung statt Pose

(c) Robin Hinsch

(c) Robin Hinsch

Junge Bands, die ihr Dagegensein mit an Punk und Rock’n’Roll geschultem Parolen-Pop befeuern, sind nicht neu. Trümmer aus Hamburg machen trotzdem etwas anders. Ihr selbstbetiteltes Debüt solidarisiert das Bekenntnis zum Exzess mit dem Willen zur zarten Revolte. Ein Widerspruch? Nein, weiß Verena Reygers, die mit Paul Pötsch, Maximilian Fenski und Tammo Kasper der Bandphilosophie auf den Grund ging.

Wir treffen Trümmer im Wohnzimmer ihres Sängers Paul Pötsch, in unmittelbarer Nähe zur Hamburger Reeperbahn. Zwischen abgerissenen Fototapeten, mit Songzeilen besprühten Wänden und dichten Zigarettenrauchschwaden wird der Geist des Rock’n’Roll wiederbelebt. Rock’n’Roll? Wir erinnern uns: Aufstand, Abweichung, Dagegensein. »Es gibt diesen Mainstream in der Gesellschaft«, erklärt Pötsch, »der sich aus totalem Sicherheitsdenken und Angst vor Veränderung speist. Dagegen muss man sich auflehnen«, sagt’s und lehnt sich in die durchgesessenen Sofakissen zurück. Neben ihm lümmelt Bassist Tammo Kasper in einem Sessel, ihm gegenüber sitzt Schlagzeuger Maximilian Fenski kerzengerade auf seinem Stuhl.

Trümmer zeigen Haltung statt Pose. Mit Mitte zwanzig reagieren sie auf das Lemminge-Verhalten ihrer Generation, vorgegebenen Lebensentwürfen, Karriereplänen und flacher Konsumkultur unhinterfragt zu folgen. »Es ist ein bisschen schwierig, alles aufzuzählen, was wir scheiße finden«, sagt Kasper, »wir sind aber auf jeden Fall dafür, mal darüber nachzudenken, was man selbst wirklich will. Nicht das, was andere für einen wollen. Die Gesellschaft oder die Instanzen, denen man täglich begegnet.« Auf ihr Unbehagen mit den gesellschaftlichen Ist-Zuständen und dem Zurechtfinden darin reagieren Kasper, Fenski und Pötsch mit Gitarre, Schlagzeug und Bass. Mit einem von Punk und Rock’n’Roll geleiteten Pop. Mit Wut, Lautstärke und dem Bekenntnis zur maximalen Entäußerung.

Trümmer entstehen, als Kasper und Pötsch sich 2011 auf dem Hamburger Dockville Festival kennenlernen. Mit Pötsch am Schlagzeug und Kasper an der Gitarre probt die junge Band mit zwei weiteren Freunden in Pötschs Wohnung. Erst als Kasper Maximilian Fenski auf einer Party in Berlin kennenlernt, formiert sich die Band in der jetzigen Besetzung. Den spontanen Wechsel in die Rolle des Frontmanns erklärt Pötsch auch als vom Punk übernommene Selbstermächtigungsgeste. Ein fertiges Konzept hatte die Band nie in der Tasche, Pläne für Konzerte oder ein eigenes Album nicht im Sinn. Stattdessen feiern sie in ihren ersten Bandproben den Dilettantismus. Von »purem Exzess« ist die Rede, Fenski spricht von »angestauter Wut«, und Kasper zählt »drei Songs, die man vielleicht in zwei, drei Stunden« zu spielen geschafft habe, weil man eben die meiste Zeit nur drauflosgedroschen habe. »Drei Songs und eine Flasche Pastis«, wirft Pötsch lachend ein.
Im März 2012 kommt dann doch die erste Anfrage für ein Konzert im Hamburger Molotow. Später schreibt die Band auf ihrer erst Anfang 2013 eingerichteten Facebook-Seite: »Die Bude war ratzefatz voll, und wir waren es zugegebenermaßen auch.« Pötsch nickt bei der Erinnerung begeistert und fällt vor Lachen fast vom Sofa, als er die Episode erzählt, wie er sturzbetrunken seine Gitarre ohne Gitarrenkoffer von seiner Wohnung zum damals noch um die Ecke gelegenen Molotow getragen habe. Ähnliche Freude am Gelage zeigt die Band auch, als sie zwei Wochen vor unserem Interviewtermin ein mitreißendes Wohnzimmerkonzert in Pötschs Wohnung spielt, bei dem nach einem frühen Besuch der Polizei der DJ seine Vinylscheiben durchs offene Fenster wirft, Tische und Bierflaschen durch die Räumlichkeiten fliegen und Pötsch sich oberkörperfrei mit in die Luft gereckten Armen auf umgedrehten Bierkästen vom Intro-Fotografen ablichten lässt.
Auf die Szene angesprochen, zuckt Pötsch mit den Schultern und erklärt, er halte es für wichtig, sich als Künstler treiben zu lassen. »Irgendwohin, wo man noch nicht war.« Er ergänzt: »Das können auch zarte Gefühle sein. Es gibt auch Liebeslieder auf dem Album, hingehauchte Melodien. Sich zu trauen, das zuzulassen, finde ich gut.«

Wenn Pötsch singt: »In mir brennt ein Wunsch, und ich gehe ihm nach«, ein »Ihr könnt alles haben, ich habe nichts zu verlieren, denn ich verschenke mich« wispert oder sich das verzerrte Gitarrenrauschen in atemloser Stille verliert, spürt man, dass die Waffen dieser Band nicht nur von Lautstärke, Wut und Punkattitüde befeuert werden. Seine Texte formuliert Pötsch klar und unmittelbar im Geiste Rio Reisers oder Hildegard Knefs. Sie können leise und fragil sein und haben es nicht nötig, ihre emotionale Entblößung mit Ironie oder Zynismus zu kaschieren. Der Systemkritik Hoffnung statt Kapitulation zur Seite zu stellen, macht Trümmer neben Bands wie Messer oder Die Nerven zum derzeit Besten, was die deutschsprachige Rockmusik zu bieten hat. Es ist ein emotionales Aufweichen wider die abgeklärte »I’ve seen it all«-Mentalität vieler junger Leute, wie Kasper es nennt, denn »Schwäche«, ist er sich sicher, »ist nicht der Begriff unserer Zeit«. Gleichzeitig ist es Trümmer wichtig, auch einen möglichen Lösungsansatz zu liefern. Pötsch: »Das zieht sich ja auch durch unsere Texte, dieser Wunsch, dass es eine neue Art von Zusammenleben und Gesellschaft gibt.« Eine Utopie, die Trümmer auf ihrem Debütalbum als möglichen Ausweg aus den Miseren der Gegenwart aufzeigen, ist inspiriert aus einer völlig unvermuteten Ecke. »Ich höre in letzter Zeit viel Soul«, erzählt Pötsch. »Bei den frühen, den guten Alben ging es immer um Liebe als gesellschaftsverändernde Kraft. Der Gedanke interessiert mich total. Nicht die Liebe zwischen zwei Menschen, sondern die Liebe als positive, als zarte Form der Revolte.«

erschienen in: intro