Sabina

(c) Sylvian Gripoix

(c) Sylvian Gripoix

Sabina, schon als Sängerin der Brazilian Girls hast du dich nicht auf eine Sprache reduziert, sondern englisch, französisch und spanisch wild miteinander gemixt. Auf deinem Solodebüt „Toujours“ singst du sogar in fünf verschiedenen Sprachen. Warum bist du so talentiert?
Darauf würde ich gerne antworten, weil ich in jeder Sprache einen Liebhaber hatte. Das stimmt aber nicht. Naja, das stimmt schon, aber eigentlich liegt es an meiner Herkunft. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Italiener. Ich bin in Rom geboren, dann aber als Kind mit meiner Mutter nach Deutschland gezogen. Genauer gesagt, ins tiefste Bayern. Später habe ich in Frankreich und dann in den USA gelebt. Aktuell wohne ich in Paris.
Außerdem habe ich einen sehr internationalen Freundeskreis, wodurch ich mir nach und nach die unterschiedlichen Sprachen angewöhnt habe. Tatsächlich mische ich sie nicht nur in meinen Songs untereinander, auch in meinem Alltag, zum Beispiel, wenn ich mit meinen Kindern rede. Von daher wäre es für mich eher ungewöhnlich gewesen, nur auf Englisch zu singen.

Wonach entscheidest du, welche Textzeile in welcher Sprache gesungen werden soll?
Meistens ist es eine intuitive Entscheidung, danach, was sich besser anhört. Es ist wirklich so, dass derselbe Satz in einer Sprache gar nicht gut und in einer anderen richtig poetisch klingt. Deshalb ist es ist sehr praktisch, innerhalb der Sprachen zu wechseln. Für mich es nur natürlich.

Du wechselst auch stark in den Stimmungen. Es gibt Songs, die eine mediterrane Melancholie wie in „Long Distance Love“ ausdrücken, während du in „I Won’t Let You Break Me“ richtig wütend zu sein scheinst.
Ich trage eben all diese Emotionen in mir. Jedes Stück erzählt auch eine Geschichte. „Long Distance Love bezieht sich auf die Zeit, als ich mit meinem jetzigen Freund eine Fernbeziehung geführt habe. Wir haben monatelang nur übers Telefon kommunizieren können. Mit dem Leiden der entfernten Liebe, was gleichzeitig etwas sehr Poetisches hat, können sich bestimmt viele identifizieren. Auslöser für „I Won’t Let You Break Me“ dagegen war ein Streit mit demselben Freund. Ich habe den Song als rebellische Reaktion aufgenommen und meinem Freund anschließend vorgespielt. Damit wollte ich ihm sagen, dass er mich nicht zerbrechen kann.

Als Mitglied der Brazilian Girls kennt man dich als Frontfrau, die ihre Augen verdeckt – entweder mit langem Pony, Hut oder anderen Gimmicks. Was steckte dahinter?
Wir waren damals in den USA ja mitten in der Bush-Ära aktiv. Das war 2003, noch recht unmittelbar nach dem 11. September. Bush hat vieles stark zensiert, vor allem in den Medien. Meine Augen zu verdecken, war eine Antwort auf diese Zensur – eine sehr politische Aussage. Wir waren immer eine politische Band und in einem sehr politischen Milieu unterwegs. Das hat man vielleicht nicht immer so erkannt, weil unsere Musik auch sehr lustige Seiten hatte.

Nun sieht man zwar deine Augen, aber du erscheinst auf dem Cover von „Toujours“ und im dazugehörigen Video splitterfasernackt auf einem Esel reitend. Ist Nacktsein deine neue Form des Protests?
(lacht) Ja, das ist es. Ich bin nach New York gezogen, als das Jahr drauf Bush an die Macht kam. Ironischerweise bin ich das Jahr nach der Obama-Wahl wieder weg. Ich finde, unter Obama ist es das genaue Gegenteil: Alles sieht so freundlich und nett aus, ist aber immer noch das Gleiche, nämlich purer, kaltherziger Kapitalismus. Deshalb zeigt mein jetziges Programm entsprechend umgekehrt die Entblößung (lacht wieder).
Außerdem muss ich zugeben, dass ich, als ich das Video zu „Toujours“ gemacht habe, nicht das Passende zum Anziehen gefunden habe. Nackt sah es einfach am besten aus. Auch, weil ich mit diesem Video „Blöße“ zeigen will. Ich will nicht sagen, ‚Armut’ ausdrücken, aber dafür steht auch der Esel. Ich sitze nicht auf einem hohen Ross sondern auf einem Esel.

Für diese Blöße, die Abkehr vom Materialismus und das Eingeständnis, am Kapitalismus zu scheitern stehen auch deine Songtexte.
Mir fällt immer wieder auf, wie sehr wir in Europa in einem kapitalistischen System leben. Wenn jemand Geld hat, ist er König und kann sich alles Mögliche – sogar jenseits sozialer und moralischer Grenzen – erlauben. Derjenige dagegen, der kein Geld hat, aber nett und sympathisch oder talentiert ist, der ist nicht interessant. Ich finde es auffällig, dass man gar nicht mehr zugeben darf, pleite zu sein. Das ist fast schlimmer, als wenn du zugibst, dir in die Hose gemacht zu haben (lacht)

Prekäre Lebensverhältnisse sind vor allem unter Künstlern keine Seltenheit.
Ja, für Musiker ist es heutzutage wirklich schwierig, finanziell über die Runden zu kommen. Leider sprechen viele nicht darüber. Vielleicht befürchten sie, dass es beim Publikum nicht gut ankommt. Aber es ist ganz klar: Das Internet ist ein schwerer Schlag für Musiker.

Andererseits ermöglicht das Internet vielen Musikern aber auch, überhaupt auf sich aufmerksam zu machen, ohne einen Plattenvertrag zu haben oder eine fett gesponserte Tour.
Aber in der Masse und den Oberflächlichkeiten des Internets musst du erst mal auffallen. Mehr noch, du musst selbst auf dich aufmerksam machen. Und das funktioniert dann eben doch über die klassischen Medienwege. Außerdem bin ich Musikerin und keine Promo-Agentin. Ich habe immer gute Erfahrung mit der Presse gemacht und bin sicher, dass die damit verbundene Professionalität auch sehr wichtig ist.

Ist deine Einstellung gegenüber dem Kapitalismus und dem Zwang nach Höher, Schneller, Weiter auch ein Grund, warum „Toujours“ an vielen Stellen reduzierte LoFi-Sounds liefert. Also der Weg, mit wenigen Mitteln, viel zu erreichen?
Auf jeden Fall hat es damit zu tun. Wenn du das Radio anschaltest, mutet vieles mehr wie Krach als wie Musik an. Deshalb habe ich meinem Produzenten immer gesagt, dass ich höchstens vier Elemente zur gleichen Zeit haben will: Stimme, Bass, Gitarre und meistens und noch ein anderes kleines Instrument. Ich wollte nichts Überflüssiges.

Im Vergleich zur Musik der Brazlian Girls, verzichtest du als Solokünstlerin weitgehend auf elektronische Elemente. Ist das auch eine bewusste Entscheidung gewesen?
Ja, eine sehr bewusste! Auch, weil ich das mit den Brazilian Girls zehn Jahre lang gemacht habe. Auf „Toujours“ ging es mir darum, eine Seite meiner Persönlichkeit auszuleben, die ich mit der Band nicht ausleben konnte oder ausgelebt habe. „Toujours“ ist das Kontrastprogramm zur Musik der Brazilian Girls.

In einem Interview hast du mal erzählt – und ich denke, es geht den meisten Mitgliedern eines Kollektivs so – wie schwierig es ist, Individuelles in der Band zu integrieren.
Auf jeden Fall. Das war für mich auch der Antrieb, solo zu arbeiten. In diese Soloplatte und auch in die nächste kann mir keiner reinreden. Die Stärke der Brazlian Girls sind ihre vier Mitglieder – jeder für sich. Da kann man auch keinen wegnehmen. Mein Soloprojekt soll dagegen ganz egoistisch und egozentrisch, nur ich sein. Das ist wie mit einem Tagebuch. Normalerweise lässt man andere ja auch nicht in sein Tagebuch schreiben.

Normalerweise macht man sein Tagebuch aber auch nicht öffentlich…
(lacht) Ja, aber da sind wir wieder bei der Entblößung.

erschienen in: Jungsheft