„Wir sind perfekt, so wie wir sind“

22.4.2015, Berlin. Heather Nova muss in wenigen Stunden zum Flughafen, aber das Gespräch mit der Musikerin findet trotzdem ohne jeden Zeitdruck statt. Stress scheint ein Fremdwort für die 47-Jährige zu sein, die mit ihrem Koffer und einem violetten Schlapphut in der Lobby ihres Hotels erscheint. Sie trägt eine silberne Halskette mit Vogelamuletten und eine große perlmuttschimmernde Muschel als Ring und wirkt damit so, als habe sie ein Stück der Bermudas mit auf Reisen genommen. Naheliegend also, mit ihr über das Leben im Paradies zu sprechen, aber auch darüber, wie es jenseits davon aussehen kann.

GALORE: Heather, Sie leben auf den Bermudas. Kennen Sie dort eigentlich schlechtes Wetter?
Heather Nova: Oh, und ob wir das kennen! Die Bermudainseln sind winzige Eilande in der Mitte des Atlantiks, ohne jegliche Nähe zum Festland oder anderen Inseln, einer der isoliertesten Orte der Welt. Da bekommen wir alles ab, was der Atlantik zu bieten hat: Regen, Stürme, ab und zu auch Hurrikane. Aber immerhin keinen Schnee oder Minusgrade.

Wie schützen Sie sich zu Hause, wenn ein Hurrikan droht?
Am besten, indem man alle Fenster abdichtet und mit Holzbrettern vernagelt. Es gab im vergangenen Jahr zwei schwere Hurrikane, die bei vielen Leuten die Dächer abgedeckt und teils heftige Schäden verursacht haben. Bislang hatten wir Glück und sind verschont geblieben, aber diese Stürme sind eine ernste Sache. Ich weiß noch, wie aufregend und abenteuerlich ich das alles als Kind fand. Aber wenn man erst mal ein eigenes Haus und Familie hast, bereitet einem ein heraufziehender Hurrikan ernsthafte Sorgen.

Sie haben als Kind mit ihren Eltern jahrelang auf einem Boot gelebt und sind über die Meere gesegelt. Sind Sie da jemals in eine derartige Gefahr geraten?
Nein, zum Glück nie. Aber man sieht solche Stürme in der Regel auch kommen und kann rechtzeitig einen sicheren Ort ansteuern. Heutzutage warnt einen natürlich auch der Radar, aber auf den Bermudas gibt es noch eine andere, traditionelle Form der Vorhersage: Öl, das aus der Leber von Haien gewonnen wird, trübt sich bereits Tage bevor ein Hurrikan aufzieht. Das ist angeblich nach wie vor die sicherste Vorhersage.

Das erinnert ein wenig an das Phänomen von 2004, als sich viele Tiere und auch einige Ureinwohner von dem Tsunami in höhere Regionen flüchteten, noch bevor die Welle überhaupt sichtbar war. Es heißt, dass sie entweder einem inneren Kompass folgten oder dass sie die Veränderung des Meeres frühzeitig wahrnehmen konnten.
Davon bin ich sogar überzeugt! Mehr noch, ich glaube, dass wir alle die Fähigkeit hätten, solche Prozesse zu erspüren. Wir haben sie bloß verloren und fühlen unsheutzutage weniger in diese Zusammenhänge ein, als wir es tatsächlich könnten. Das gilt übrigens auch für das Zwischenmenschliche. Je älter ich werde, desto offener bin ich für die Energie, die jemand ausstrahlt. Auch das ist ein inneres Wissen, mit dem wir alle geboren werden. Kinder haben es noch; sie haben einen guten Instinkt und wissen oft, wer ihnen gut tut und wer nicht, was sich richtig anfühlt und was nicht. Aber dann wird uns beigebracht, dieser inneren Stimme nicht länger Gehör zu schenken, weil die Welt angeblich nicht so funktioniert. Erst später kehren wir vielleicht wieder zu unseren Instinkten zurück. Der Vorteil des Älterwerdens liegt nämlich in der Fähigkeit, zu reflektieren, sich selbst mehr zu vertrauen und das loszulassen, was uns schadet oder was wir nicht länger benötigen.

Gibt es besondere Erlebnisse, die Sie in dieser Richtung bestätigen?
Ja, es gibt immer wieder kleine Hinweise. In letzter Zeit musste ich sehr persönliche Erfahrungen machen, bei denen ich der inneren Stimme nicht vertraut habe. Ein Fehler, wie ich später feststellen musste. Andersherum gab es auch die positive Erfahrung, für mein neues Album mit zwei mir völlig unbekannten Produzenten zusammen gearbeitet zu haben, bloß weil mein Bauchgefühl mir dazu geraten hatte.

Wie kam ihr Bauchgefühl ausgerechnet auf die beiden?
Ich habe eine Zeit lang immer wieder ein Album gehört, dessen Sound mich total fasziniert hat. „Gold In The Shadow“ von William Fitzsimmons. Als ich nachschaute, wer es produziert hat, stieß ich auf Josh Kaler und Jay Clifford, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Ich besorgte mir ihren Kontakt, rief sie an und fragte, ob sie Lust hätten, mit mir meine neue Platte aufzunehmen.

Und dann sind Sie auf gut Glück nach South Carolina in das Studio der beiden gefahren?
Genau, nach Charleston. Allein deshalb war es die richtige Entscheidung, Josh und Jay zu kontaktieren. Ich wollte immer schon mal nach Charleston, und selbst wenn das Treffen mit den beiden ein Reinfall gewesen wäre, wäre ich zumindest einmal in einer meiner Traumstädte gewesen.

Und war die Begegnung im Rückblick so traumhaft, wie Sie sich das vorgestellt haben?
Nicht ganz. Als ich ankam, konnte ich erst meine Pension nicht finden, und es war ein wenig beängstigend, mutterseelenallein mit meinem Koffer in dieser menschenleeren Straße zu stehen. Gleichzeitig fühlte ich mich wie in einem Traum: Ich war endlich in Charleston, in dieser Straße mit den tollen alten Häusern und den blühenden Sträuchern. Als ich die Pension endlich gefunden hatte, wurde es anfangs noch merkwürdiger. Die Besitzerin war eine wunderschöne alte Dame, ihr Mann aber etwas unheimlich. Er saß im Rollstuhl und hatte wie ein Pirat einen Haken statt einer Hand. Im ganzen Haus waren die Fenster verschlossen und als ich darum bat, nachts ein Fenster offen lassen zu dürfen, beruhigte er mich mit breitem Südstaatenakzent, ich müsse keine Angst vor Einbrechern haben, denn sie hätten jede Menge Waffen im Haus, um jeden Eindringling über den Haufen schießen zu können.

Das klingt nicht gerade beruhigend.
(lacht) Ich war mir nicht sicher, ob ich mehr Angst vor einem potentiellen Einbrecher oder dem schießwütigen Gatten meiner Hauswirtin haben sollte. Und dann lag noch ein Buch über bekannte Spukhäuser in Charleston auf meinem Nachtisch. Natürlich stand dort auch die Pension drin, in der ich wohnte. Wie Sie sehen, habe ich die erste Nacht und die folgenden überlebt. (lacht) Und als ich am nächsten Tag Josh und Jay im Studio besuchte, was übrigens ähnlich abenteuerlich war, wusste ich, dass mein Bauchgefühl trotz aller zu überwindenden Hindernisse Recht gehabt hatte. Die musikalische Chemie stimmte vollkommen. Während der Arbeit an dieser Platte habe ich festgestellt, dass es der Prozess ist, den ich als Luxus betrachte – nicht das fertige Produkt, sondern das Gestalten und die kreative Arbeit.

Heißt das, Sie haben auch schon weniger gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Produzenten gemacht?
Durchaus. Wenn man zum Beispiel spürt, dass ein Song nicht so ist, wie man ihn haben will, man aber nachgibt, weil der Produzent einen davon überzeugen möchte, er wäre gut, wie er ist. Besonders wenn man jung ist, glaubt man, andere wüßten es besser, wie sie mehr Erfahrung haben. Für mich waren die Platten, die ich mit meinem Mann aufgenommen habe, die schwierigsten. Er ist ja Produzent, und wenn er von etwas überzeugt war, ich aber nicht, sagte er immer „Ich bin der Produzent!“. Und ich antwortete dann immer: „Aber ich bin die Künstlerin!“ (lacht)
Ihr Mann hat vor allem bei Ihren frühen Alben eng mit Ihnen zusammen gearbeitet. Damals in den Nenzigerjahren galten Sie als Teil einer jungen weiblichen Songwriter-Generation, die gerne als „Angry Young Women Movement“ bezeichnet wurde, also als Bewegung wütender junger Frauen.
Ich würde mich nicht als wütend bezeichnen. Auch damals nicht. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass manche Männer ein Problem mit selbstbewussten und starken Frauen haben.
Sie empfinden es vielleicht als unangenehm, wenn Frauen ihre Haltung so offen kommunizieren, also bezeichnen sie sie als wütend. Es ist traurig, dass sich diese Einstellung bis heute hält und dass sich die Dinge teilweise sogar rückwärts entwickeln. Es ist keine gute Zeit für Frauen und Musikerinnen heutzutage.

Dabei sind Gegensatz zu den Neunzigerjahren Frauen in den Charts heute keine Seltenheit mehr – ganz im Gegenteil.
Ja, aber die meisten weiblichen Popstars sind erfolgreich, weil sie sich als Objekt präsentieren. Als Identifikationsfläche halte ich das für sehr problematisch. Mich stört es, dass vor allem jungen Frauen dadurch vermittelt wird, es sei vor allem wichtig, schön und sexy zu sein. Genau das ist es, was Popmusik aktuell tut. Ich frage mich, wie es passieren konnte, dass wir den Feminismus derart vernachlässigen und vergessen konnten.

Aber haben Sie die Zuschreibungen von schön und sexy als junge Musikerin nicht selbst ständig erfahren? Ich kenne einen Haufen männlicher Kollegen, die ganz vernarrt in Sie waren.
Wirklich? Darum ging es mir mit meiner Musik nie. Weder habe ich versucht, sexy aufzutreten noch winzige Kleidchen zu tragen, um so zu wirken. Dessen war ich mir sehr bewusst.

Trotzdem assoziierten viele Journalisten Ihre Musik über Ihr Aussehen. Sie wissen schon… elfenhaft, sirenengleich und so weiter.
Ja, aber das ist eine andere Sache. Das kann ich ja nicht beeinflussen, auch wenn es mich natürlich nervt.

Es soll sogar solche gegeben haben, die nicht wußten, dass Sie Ihre Songs selber schreiben.
Sie machen Witze, oder? Denn das würde mich tatsächlich wütend machen.

Aber auch wenn Sie sich nie als wütende junge Frau gesehen haben, haben Sie sich schon damals in Ihren Songtexten nicht mit ruppigen Aussagen zurückgehalten.
Sicherlich gab es solche Texte, aber ich war keine grundsätzlich wütende Frau. Ich wollte ehrlich sein und über die Wahrheit singen. Manche Songs sind das Ergebnis schmerzvoller Erfahrungen und wirkten deshalb läuternd, andere waren voller Sehnsucht. Es war eine große Bandbreite an Emotionen. Zu sagen, sie wären alle von Wut geprägt, ist definitiv zu kurz gefasst.

Die Notwendigkeit, in Ihrer Musik ehrlich zu sein – ist das der Anspruch, den Sie als Künstlerin sich selbst gegenüber haben?
Auf jeden Fall! Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass ich es gar nicht vermeiden kann. Das heißt, nein: Ich könnte, wenn ich wollte. Ich könnte einen wunderbaren Song schreiben, ohne einen Funken Wahrheit darin. Aber mein Selbstverständnis als Künstlerin erfordert es, zumindest zu versuchen, absolut ehrlich zu sein, denn alles andere ist sinnlos. Ich bin überzeugt, die Aufgabe eines jeden Künstlers ist, tief nach den eigenen Wahrheiten zu graben und das Risiko einzugehen, sie zu offenbaren. Denn es ist zweifellos ein Risiko, sich so zu zeigen. Aber was ist falsch daran, ein Mensch zu sein?

Sie sagen, Ihr aktuelles Album „The Way It Feels“, sei das Ergebnis so einer persönlichen Reise zur Wahrheit. Eine dieser Wahrheiten ist das Verhältnis von Frauen untereinander, das Sie im Song „Women’s Hands“ besingen.
Ja, „Women’s Hands“ handelt davon, wie Frauen sich gegenseitig unterstützen und helfen. Als Frauen haben wir die Möglichkeit, einander Kraft zu geben, aber wir teilen auch eine gemeinsame Geschichte, nämlich wie es ist, eine Frau zu sein. Dazu gehören auch missverstandene Beziehungen, die wir zu uns, zu unserem Körper, zu Sex und zu Männern haben. Aber die Identität eines Menschen ist nicht an seine Fehler oder Mängel und auch nicht an seinen Körper oder seine Sexualität gebunden. Wir sind perfekt so, wie wir sind. Und das ist für Frauen leider oft sehr schwer, zu erkennen.

Frauen wird außerdem ihre Kooperationsfähigkeit untereinander gerne abgesprochen – Stichwort: Stutenbissigkeit.
Die kann es natürlich geben. Aber meine Erfahrung ist eine andere. Ich bin Frauen sehr verbunden, egal, ob es die Frauen in meiner Familie oder meine Freundinnen sind. Vor allem im Moment, wo ich eine schwierige Phase durchlebe, weil ich mitten in der Scheidung von meinem Mann stecke, bin ich auf die Unterstützung der Frauen um mich herum angewiesen.

Sind Ihr neues Album und die Zeit in Charleston auch das Ergebnis dieser Trennung?
Nein. Als ich an dem Album gearbeitet habe, habe ich noch versucht, meine Ehe zu retten. Ich glaube, das kann man den Songs auch anhören. Das ist also noch nicht die Break-Up-Platte (lacht).

Wer 2003 ihr Album „Storm“ gehört hat, könnte denken, Ihre Ehe sei damals schon recht stürmisch gewesen.
Ja, das war tatsächlich auch eine heftige Phase. Damals haben wir es geschafft, dieses Mal leider nicht. Dieses Mal haben wir es auch versucht, aber es hat nicht funktioniert. Und es war leider nicht meine Entscheidung.

Fürchten Sie bei so einschneidenden Erlebnissen nicht, am Ende doch noch zu der wütenden Frau zu werden?
Nein. Ich bin sicher: Wir schaffen unsere Gedanken, und unsere Gedanken schaffen unsere Realität. Es wäre einfach für mich, wütend, verletzt und depressiv zu sein, aber ich bin mir sehr bewusst, dass ich mich auch für positive Gedanken entscheiden kann. Das ist eine tägliche Herausforderung, aber ich stelle mich ihr, weil ich positiv und nicht überwältigt von Trauer, Wut und Rache sein möchte.

Wie gelingt Ihnen das?
Jeden Tag versuche ich, an die großartigen Dinge in meinem Leben zu denken, für die ich dankbar bin. Ich habe einen wunderbaren Sohn. Und ich habe meine Musik. Dann ist es fast unmöglich, sich schlecht zu fühlen. Das Leben ist großartig, und ich werde es mir durch das Scheitern in manchen Dingen nicht vermiesen lassen. Auch wenn ich die Trauer natürlich zulassen muss, um sie zu verarbeiten, lebe ich nicht in ihr.

Ist diese Methode, das Leben zu meistern etwas, das Ihnen schon immer eigen war oder auch eine Entwicklung der vergangenen Jahre?
Ich bin nicht sicher. Ich glaube, meine Achtsamkeit ist größer geworden mit dem Alter, genauso wie meine Bereitschaft zur Dankbarkeit. Ein Effekt des Älterwerdens ist auch, zu erkennen, dass das Leben endlich ist. Niemand ist für immer hier. Also macht man das Beste aus jedem Moment und versucht, sich auch an den kleinen Dingen zu erfreut.

Haben Sie eine Vorstellung, was uns nach dem Tod erwartet?
Ich denke viel darüber nach, aber ich habe noch keine Antwort gefunden. Kennen Sie Reiki? Beim Reiki hatte ich gewisse Momente, in denen ich ein ganz besonderes Gefühl von Licht und Liebe gespürt habe, und ich hoffe, so in etwa wird es mit dem Tod auch sein.

Und wenn Sie wiedergeboren würden?
Dann würde ich gerne als ein Mitglied meiner Familie wiederkommen. Vielleicht als Enkelin meines Sohnes.

Zur Person
Eine mehr als sprichwörtliche paradiesische Kindheit verlebte Heather Nova. 1967 als Heather Frith geboren, wuchs die Tochter eines Architekten teils auf Bermuda, teils auf einem Segelboot in der Karibik auf. Nach ihrem Schulabschluss in den USA, ging Nova nach England, eine professionelle Karriere als Musikerin anstrebend. In London traf sie den Produzenten und ihren späteren Ehemann Felix Todd, mit dem auch „Oyster“ entstand; das Album, das Heather Novas internationalen Durchbruch begründete und sie mit der Single „Walk This World“ in einer Reihe mit Künstlerinnen wie Alanis Morissette und Tori Amos stellte. Den roughen Indierock hat die Musikerin, die auch einen Gedichtband veröffentlicht hat, mittlerweile zu einem überwiegend zurückhaltenden Singer/Songwriter-Pop gewandelt. „The Way It Feels“ ist ihr neuntes Studioalbum.

erschienen in: GALORE