Meine Lust ist meine Lust

Trauen Sie niemandem, der behauptet, er weiß, was Frauen wollen. Selbst die Sexualwissenschaft begreift jetzt: Weibliches Begehren ist sehr, sehr individuell. Guter Grund, sich selbst zu entdecken.

Wünschen Sie sich manchmal auch diese Pille, die Sie nach einem sehr langen, sehr anstrengenden Tag in Nullkommanichts in eine Sex-Göttin verwandelt? Einfach runterschlucken und schon verschwinden quengelnde Kinder, Querelen im Büro, Müdigkeit und Erschöpfung – alles was bleibt ist die reine Lust auf Sex!

Diese Pille ist ein Mythos. Seit Jahren versuchen Forscher, ein Äquivalent zu Viagra zu entwickeln, das die weibliche Lust ankurbeln soll. Ein sogenanntes Pink-Viagra. Aber es gelingt nicht. Die Sexualität der Frau ist zu individuell für chemisches Doping. Das ist die schlechte Nachricht. Die Gute ist: Genau diese Individualität ist der Schlüssel zu einer erfüllten Sexualität.

Zumindest, wenn es nach Emily Nagoski geht. In ihrem Buch „Komm, wie du willst“ räumt die Sexualwissenschaftlerin mit Allgemeinplätzen darüber auf, ‚was Frauen wollen’. „Wenn Du weißt, was eine Frau will, sagt das nichts darüber aus, was eine andere will“, schreibt die US-Amerikanerin. Sie muss es wissen. Nagoski leitet den Fachbereich Wellness Education am renommierten Smith College, forschte am Kinsey Institute und berät seit 20 Jahren Frauen in ihren Fragen zur Sexualität. Über ihre Arbeit bloggt sie außerdem auf thedirtynormal.com.

Die 38-Jährige ist überzeugt, was weibliches Begehren auslöst, wie Frauen Lust empfinden und wie sie zum Höhepunkt kommen ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Statt Stellungen und Praktiken aus der Ratgeber-Literatur nachzuahmen, rät die Wissenschaftlerin dazu, sich erstmal mit sich selbst zu beschäftigen. Und so die eigenen Bedürfnisse und Lust-Knöpfe kennenzulernen. In Ihrem Buch hat Nagoski deshalb diverse Fragebögen integriert, die unter anderem unser sexuelles Temperament abfragen, aber auch die Situationen, in denen der Sex großartig war und wo es eben nicht so gut lief.

Nagoski ist nicht die Einzige, die für mehr sexuelle Individualität plädiert. Auch die Sextoy-Industrie verlässt sich nicht mehr auf den fleischfarbenen Universaldildo. Längst bevölkern Vibratoren für klitorale, vaginale, anale und G-Punkt-Stimulation die Regale der Sexshops. In allen Farben, Größen und Geschwindigkeiten. Damit jede Frau ihren eigenen Bedürfnissen entsprechend angeturnt wird. Jüngster Trend aus England ist „Crescendo“ – ein Vibrator, der sich auf unterschiedlichste Art verbiegen und einstellen lässt. Weil kein Frauenkörper dem anderen gleicht. „Dein Körper, dein Vergnügen, deine Methode“ lautet der Werbespruch für den „Crescendo“; für Emily Nagoski mehr als ein wohlklingendes Motto. Denn Vergnügen ist auch das Stichwort für „Komm, wie du willst.“ Eine der wichtigsten Thesen von Nagoskis Buch ist, dass Vergnügen vor Verlangen kommt. „Der Tipp, darauf zu achten, ob sich eine Berührung gerade einfach gut anfühlt, statt darüber nachzudenken, ob man erregt genug ist, um Sex zu haben, ist ein Durchbruch für die meisten Frauen, mit denen ich zusammengearbeitet habe“, sagt die Sexualwissenschaftlerin.

Für andere Frauen ist es die Erkenntnis, dass die meisten Dinge, die wir über Sex wissen nicht wahr sind. Wir wachsen mit ähnlichen Vorstellungen darüber auf, wie Sex geht. Dass Sex ein Trieb sei, dem nachgekommen werden muss, dass bestimmte Berührungen erregend wirken, dass ein feuchte Scheide das sichere Zeichen für Verlangen ist und schließlich, dass die Stimulierung durch den Penis in der Vagina zum Orgasmus führt. Die Wahrheit aber ist: Die weibliche Sexualität ist kein Abbild der männlichen; die wenigsten Frauen kommen allein durch vaginale Penetration zum Orgasmus, ihre Lust ist stärker bestimmt von dem, was sonst in ihrem Leben gerade passiert. Und, eine körperliche Reaktion ist kein Garant für tatsächliche Lust. Denn, das ahnten wir, Sex ist keine Sache, die sich nur in den Genitalien abspielt, Sex ist eine Sache des Kopfs. Und den auszuschalten ist gar nicht so einfach. Zumal uns unzählige Mythen einen Strich durch die Rechnung machen. Die einen übernehmen wir aus unserer Erziehung, die anderen aus dem vermeintlich perfekten Sexleben anderer. Und dann sind da noch die Medien, mit ihrer Botschaft, dass wir nur dann begehrenswert sein können, wenn wir einen flachen Bauch, straffe Brüste und den atemberaubenden After-Baby-Body haben. Obwohl wir wissen, dass diese Botschaften Unsinn sind, setzen sie sich fest. „Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen sexuellem Wohlbefinden und selbstkritischen Gedanken über unseren Körper“, weiß Nagoski.

Während Männer in den unmöglichsten Situationen an Sex denken können, ist weibliches Verlangen meistens von der Situation abhängig. Sie reagieren responsiv, also dann, wenn schon etwas passiert, das als sexuell wahrgenommen wird wie ein bestimmter Blick, eine gewisse Berührung. Aber auch das gilt natürlich nicht für jede Frau. Nagoski betont, dass egal, wie und worauf unsere Lust reagiert, wir alle normal und vollkommen ok sind. Genauso normal und gesund, wenn wir überhaupt keine Lust auf Sex verspüren.

Dabei sind es oft einfach Phasen, in denen uns nicht nach Sex ist. Weil wir gestresst, erschöpft oder mit unseren Gedanken woanders sind. Emily Nagoski nennt das den Kontext. Und der verändert sich nicht nur mit den Lebensphasen eines Menschen und eines Paares, er kann sogar von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde wechseln. Der Kontext bestimmt, ob wir an- oder abgeturnt werden. Ob wir Gas geben oder auf die Bremse treten, wie es die Wissenschaftlerin formuliert. Der Anblick nackter Unterarme, ein gewisser Geruch oder ein romantisch verlebter Abend können unser Verlangen entzünden. Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft, eine nahende Präsentation im Büro oder die Sorge, ob man vielleicht länger braucht, um zum Orgasmus zu kommen, bremsen es. Diese Werte, wie empfindlich wir mit Lust oder Unlust reagieren, sind angeboren und in etwa so veränderbar wie unser IQ. Beeinflussbar sind sie aber durch die Situation: Wenn uns unser Partner an einem entspannten Sonntagabend zärtlich in den Nacken küsst, regt sich womöglich die Lust auf mehr. Passiert das Gleiche tags drauf, nachdem wir geraden ein nervenaufreibendes Telefonat mit unserer Mutter beendet haben, treten wir vermutlich auf die Bremse. Verändern wir den Kontext, verändern wir auch unsere Lust auf Sex.

erschienen in: Emotion