Ey, Schnipo-Style!

(c) Jenny Schäfer

(c) Jenny Schäfer

Mit ihren Liedern zwischen Pop und Popo könnte man Schnipo Schranke für die feministische Speerspitze der Hamburger Musikszene halten. Sind sie aber gar nicht.

Mitte April 2015 in einem Tonstudio unweit des Hamburger Fischmarkts: Daniela Reis und Friederike „Fritzi“ Ernst alias Schnipo Schranke lümmeln in Jogginghosen und bei schwarzem Tee vor dem Mischpult, an dem vorletzte Handgriffe für ihr Debütalbum „SATT“ vorgenommen werden. Mit Produzent Ted Gaier diskutieren die Musikerinnen die Bass-Spur eines noch namenslosen Songs. Gaier nuschelt, man müsse das funktionaler denken. Reis widerspricht: „Das ist halt Schnipo-Style“.

Schnipo-Style, das sind wechselnd besetzter Gesang mit Schlagzeug, Keyboard und Blockflöte-Soli, das sind Textzeilen wie „Nimm mich an der Hand, nimm mich an der Wand“ oder „Oh Baby, dein Sperma schmeckt so intensiv“. Weil die Schnipo-Girls sich außerdem im Umfeld gewisser Hamburger Bands und Nachtleben-Loctions tummeln und ihr Debüt mit einem Gründungsmitglied der Goldenen Zitronen produzieren, klebt die Vermutung an ihnen, sie seien die neue feministische Speerspitze der aktuellen Hamburger-Schule-Generation. Sind sie aber nicht. Schnipo Schranke sind das Ergebnis von Anecken, Verweigern, selber machen. Die HeldInnen ihrer Jugend sind nicht Tocotronic und die Lassie Singers sondern Harry Potter und Mozart.

Vor ihrer Zeit in Hamburg steht das Musikstudium in Frankfurt. Ernst studiert Blockflöte, Reis Cello, als sie sich beim Rauchen im Hof der Musikhochschule kennenlernen. Beides Außenseiterinnen, beide unglücklich mit dem Studium. Die Aussicht, im klassischen Orchester zu spielen, dabei aber völlig unkreativ und dem ständigen Leistungsabruf unterworfen zu sein, schreckt beide gleichermaßen ab. „Das ist einfach nicht meine Welt“, erklärt Fritzi Ernst, „schon auf die Bühne zu kommen und sich die ganze Zeit benehmen zu müssen, das finde ich total beklemmend“.

Als Schnipo Schranke benehmen sich die beiden Mittzwanzigerinnen wie es ihnen gefällt. Und sorgen damit für Furore. Ein Wunder, dass zwei junge Frauen auch heute noch allein dadurch Aufmerksamkeit erregen, weil sie explizit und authentisch über Sex singen. Als drastisch und schonungslos, aber auch lustig und mutig gelten Schnipo Schranke deshalb. Für Reis und Ernst ist es keine große Sache, sondern eine Selbstverständlichkeit, sich so auszudrücken. Zu Frankfurt-Zeiten sorgte das für Probleme, wie Reis erzählt: Wir waren nicht besonders beliebt, wohl weil man uns für prollig, vulgär oder plump gehalten hat. Weil wir das aber so völlig in Ordnung finden, haben wir uns von dort gelöst und unser eigenes Universum geschaffen.“

Statt sich den Mund verbieten zu lassen, ziehen die beiden nach Hamburg und bewegen sich im Umfeld von Hamburger-Schule-Bands wie Die Sterne, Zucker und Trümmer – dort ist frei Schnauze kein Problem. „Seitdem ich hier bin“, sagt Reis, „komme ich mir nicht mehr dumm vor“.

Das eigene Universum schaffen sie schon vorher mit einer ersten selbstproduzierten CD, die sie dem Hamburger Autor und Musiker Rocko Schamoni bei dessen Frankfurter Lesung in die Hand drücken. Was sie tags drauf peinlich finden, sorgt bei Schamoni und Co. für Begeisterung. Keine Woche später haben Schnipo Schranke eine Nachricht im Facebook-Postfach, ihre CD sei total geiler Scheiß. Den „total geilen Scheiß“ nimmt der Rest der Welt mit der Hymne „Pisse“ wahr. Textzeilen wie „Schmeckt der Kopf nach Füße und der Genitalbereich nach Pisse“ sowie der pissende Penis von Reis‘ Freund im dazugehörigen Video sorgen für Aufmerksamkeit. Die Sperrung bei YouTube und Spitzenplätze in sämtlichen Jahrescharts der Indie-Journaille sind die Folge.

Mehr noch als unzensierten Wortwitz schildert „Pisse“ aber das Leid einer unerwiderten Liebe. Von den Erniedrigungen, denen man sich aussetzt, in der Hoffnung, der andere begreife die Seelenverwandtschaft schon noch. Angezündete Fürze und ein mit den Arschbacken gehaltenes Handy inklusive. „Du findest so etwas komisch, seitdem liebst du mich platonisch“, singt Daniela Reis und „Du findest mich einfach ätzend, ich finde dich verletzend.“ Zustimmend nicken die beiden Musikerinnen auf die Feststellung, dass „Pisse“ von der Botschaft auch nicht besser sei als jeder andere schmachtende Liebessong. „Es geht ja auch nicht einfach ums Ficken sondern um Ficken als Ausdruck von Gefühlen“, bringt Ernst es auf den Punkt.

Wenige Wochen nach der Begegnung im Studio – „SATT“ ist mittlerweile im Kasten – treffen wir die Band erneut zum Interview. Vor allem „Pisse“ hat nun eine eindeutig ernsthaftere Form bekommen. Der Song klingt längst nicht mehr nur humorvoll, sondern auch traurig. Ein Analog-Synthesizer setzt ersticke Laute ab; eine Bass-Station stellt wabernden Space-Sound her. „Uns ist vor allem wichtig, dass das Album musikalisch hochwertig ist. Das schafft man nicht, wenn man sich selbst durch den Kakao zieht“, erklärt Daniela Reis die neue Ausrichtung. „Es ist ja alles ernst gemeint, denn an dem Tag, an dem ‚Pisse’ geschrieben wurde, war es ein trauriges Thema, das auch so wahrgenommen werden darf.“ Die humoristischen Elemente sind trotzdem geblieben – dank überraschender Textzeilen und der nach wie vor ungeschminkten Wortwahl im Schnipo-Style.

Wer „SATT“ als Ganzes hört und vermeintliche Versautheiten überhört, bemerkt einen Haufen Liebeslieder, in denen die Musikerinnen stets die Gedemütigten sind. Diejenigen, die sich ständig erniedrigen und den Angebeteten trotzdem im Heiligenschein baden. Ähem, ist die weibliche Angst vorm Liebesverlust nicht ein feministisches No-Go? Fritzi Ernst wundert sich ohnehin über Fragen, die Schnipo Schranke feministische Absichten unterstellen. „Es geht doch eigentlich immer um irgendwelche Typen, die wir anhimmeln“.

Überhaupt ist Feminismus kein großes Thema für die zwei. „Da kann ich nur wenig zu sagen, weil mir das ganz fremd  ist“, sagt Reis und auch, dass so etwas wie Feminismus gar nicht für sie existiere. Dass der Gegenwind, den sie zu Frankfurt-Zeiten bekamen, nicht nur etwas mit ihrer persönlichen Ausdrucksweise zu tun haben könnte, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Vorgabe ist, wie Frauen reden oder eben nicht reden dürfen, das hätten sie nie reflektiert. „Wir machen das auch nicht am Geschlecht fest“, sagt Reis und verweist auf männliche Kumpel, die mit der gleichen Ausdrucksweise ebenfalls für vulgär gehalten würden. „Ich denke, es gibt Kreise, da kann man sich einfach nicht so äußern.“

So oder so, warum Schnipo Schranke ein Album voller Demütigungsschilderungen aufgenommen haben, erklärt Fritzi Ernst auch so: Jeder hat das doch schon mal auf eine Art durchgemacht und das sind nun mal oft die Momente, die am tiefsten gehen. Eine Beziehung, in der alles in Ordnung ist oder man selbst der Überlegene ist, beschäftigt einen doch nicht weiter. Wir aber wollten die unangenehmen Themen nicht verstecken, sondern bewusst thematisieren.“ Das Aufdecken eines Tabus? Reis nickt: „Das will keiner sagen oder zugeben; das will auch keiner sein“, sagt sie, „Ich nehme es auch so wahr, dass es am Feminismus liegt, dass keine Frau zugibt, von einem Mann abhängig zu sein. Ich finde es aber gut, wenn man Abhängigkeit eben nicht als Versagen oder Schwäche darstellt“. Und dann schiebt die 27-Jährige noch einen entscheidenden Satz hinterher: „Man ist doch nicht Superwoman, wenn man sich von Abhängigkeiten löst, sondern sie akzeptiert und lernt mit ihnen zu leben, anstatt sie als vermeintliche Schwäche zu hassen.“ Schwachpunkte auszuschalten kann nicht die Lösung sein – Schnipo Schranke würden sich wundern, was für ein feministisches Statement das ist. Keins, das Sheryl Sandberg gefallen würde; Lena Dunham aber schon.

Von einer entscheidenden Abhängigkeit haben sich die beiden Schnipo-Ladies aber längst gelöst. Diente das Andocken an die ProtagonistInnen der sogenannten Hamburger Schule anfangs noch dazu, Rückhalt und Bestätigung für die eigene Sache zu ernten, haben sich Ernst und Reis längst von der Szene gelöst. Der erste und zweite Song auf „SATT“ zeigt das unabhängige Selbstverständnis des Duos: „Ihr zeigt uns keine Grenzen, deshalb bauen wir welche auf; über uns und unter uns steht Schnipo Schranke drauf“. Das ist halt Schnipo-Style – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

erschienen in: Missy Magazine