Ja zur Jalousie

(c) Lukas Vogt

Um neue Ausdrucksformen finden zu können, braucht es Zeit und Mut. Für ihr drittes Album »Jalousie« haben Messer beides genutzt und mit einigen Zäsuren neue Räume jenseits von Postpunk, Krautrock und Artpop geöffnet. Verena Reygers traf die Band zum Gespräch über Jalousien, Neo-Noir-Stimmungen, die Liebe, orgelnde Bassisten und das Glück.

it dem Cover ihres dritten Albums überraschen Messer: Zierten diese zuvor stets von Frontmann Hendrik Otremba gemalte Porträts, sieht man nun die Fotografie einer halb verschlossenen Jalousie. Nun gut, der umtoste Postpunk der Westfalen lud noch nie zum gemütlichen Platznehmen auf dem durchgesessenen Sofa ein, aber so zugezogen, wie sich »Jalousie« präsentiert, stellt sich doch die Frage, ob Messer neuerdings etwas zu verbergen haben. Nach den Alben »Im Schwindel« und »Die Unsichtbaren«, die recht schnell aufeinander folgten, hat die Band sich für »Jalousie« Zeit genommen – drei Jahre, in denen Messer bewährte Strukturen zugunsten unerschlossener Räume aufbrachen.

»Es gab auf vielen Ebenen kleine Zäsuren«, bestätigt Otremba beim Interviewtermin im Konferenzraum der neuen Labelheimat Trocadero Records. Neben ihm sitzt Percussionist Manuel Chittka, der die Band nun als festes Mitglied verstärkt, beiden gegenüber Schlagzeuger Philipp Wulf. Jugendfreund und Bandkumpel Pascal Schaumburg dagegen hat die Gruppe auf eigenen Wunsch verlassen. Eine starke Zäsur, auch wenn es keine Prügeleien gab, wie Otremba grinsend betont. Statt Schaumburg ist nun Milek für Gitarre und auch Synthesizer verantwortlich. Bleiben noch Pogo McCartney und sein Bass.

Nicht nur die veränderte Bandbesetzung hat zu einer Neuausrichtung im Sound geführt. Messer wollten auf keinen Fall eine weitere Rockplatte machen, die sich so locker aus dem Ärmel schütteln ließ wie die beiden Vorgänger. Statt mit der Wucht des Live-Moments im Proberaum werkelten sie im eigens in Münster eingerichteten Studio an den Songs. »Wir wollten den Sound unbedingt detailreicher machen«, erklärt Wulf. Das ist ihnen gelungen. Die Postpunk-Wucht haben Messer zwar nicht aufgegeben – Songs wie »Der Mann, der zweimal lebte« oder »Detektive« treiben in gewohnter Weise voran –, aber die Band hat ihr eine ungeheure klangliche Vielfalt zur Seite gestellt. Bläser treffen auf Percussions, Krautrock auf Postpunk und McCartneys drängender Bass auf klirrende Synthieflächen. Wo vorher Druck herrschte und Messer ihre Klangklingen regelrecht aneinander wetzten, schärfen sie diese nun elegant und mit einer gewissen Neo-Noir-Stimmung. Das beginnt schon beim Opener »So sollte es sein«: Vogelgezwitscher begleitet das anschwellende Intro, bevor ein sakraler Orgelton es durchbricht. Otrembas Stimme schleppt sich voran, abgefangen vom Gesang Stella Sommers (Die Heiterkeit) und der einsamen Trompete Micha Achers (The Notwist).

Die Orgel ist eine weitere Überraschung auf »Jalousie«. Auch für die Band selbst, denn kein Geringerer als Bassist McCartney sitzt hier hinter den Tasten. Inspiriert von Nick Caves Song »Push The Sky Away«, hat er sich diverse Orgeln angeschafft, darunter alte Vermona-Instrumente aus den 70ern. »Um dann festzustellen, dass Produzent Rob Ellis das in Wahrheit auf einem kleinen microKORG-Synthesizer eingespielt hat«, erzählt Wulf lachend, und die anderen fallen mit ein. Trotzdem ringt ihnen McCartney ordentlich Respekt ab: »Pogo war immer nur Bassist«, sagt Otremba, »von morgens bis abends. Dieses ultimative Instrument mit einem so komplexen Instrument wie der Orgel abzulösen, das hat mich nicht nur überrascht, da habe ich auch jede Menge Achtung vor.«

Aber auch die anderen Mitglieder der Band haben sich an Neues herangewagt: Während Schlagzeuger Wulf sein altes Saxofon reaktivierte, konzentrierte sich Otremba auf stimmliche Experimente. Statt wie bisher in einem kleinen, schalltechnisch schwierigen Raum gegen Schlagzeug und Bass anzusingen, konnte er sich auch als Sänger neu entdecken: »Ich habe zu Hause viel ausprobiert, und Pogo, der eigentlich fünfzig Prozent der Platte in unserem Studio in Münster aufgenommen hat, stand mit einer Engelsgeduld Take um Take durch. Der hat mir so viel Raum gegeben. Das war super!«, lobt er den Bandkollegen.
Eine ähnliche Experimentierfreude wählte Otremba für seine Songtexte. Für den Künstler war immer klar, dass er keine klassische Popsprache bedienen wollte. Das langweilt. Trotzdem ermöglichte ihm der großzügig gesteckte Zeitrahmen, Herangehensweisen und Ausdrucksformen zu überdenken. »Ich habe festgestellt, dass ich mich manchem, das mir vorher viel zu billig vorgekommen wäre, widmen kann, weil es die größere Herausforderung ist.« So singen Messer über Themen wie Liebe, Glück und andere positive Gefühle, »aber ohne die Augen zu verschließen«, wie Otremba betont. Vielmehr wollen sie sich einer Frage von Glück nähern, ohne sich im Privaten zu verkriechen. Gefühlsduseleien findet man auf »Jalousie« nicht. Da bleibt die Band ihren Texten treu, »die sich einem hermeneutischen Verstehen ganz bewusst verschließen«, wie Wulf es nennt. Selbst Otremba ist froh, dass es Stücke gibt, von denen er nicht sagen kann, worum es geht. »Aber ich weiß, dass es mir um etwas geht und dass ich auch noch herausfinden darf, um was.«

Diese Verweigerung der Transparenz macht Messer genauso spannend wie ihre musikalische (Neu-) Ausrichtung. Hinter der Jalousie hat sich unendlich viel getan: Man hat getüftelt und sich ausprobiert, experimentiert und Neues gewagt und somit ein Album reifen lassen, das den düsteren Abgründen den Rücken kehrt – nicht um naiv und zwanghaft happy zu sein, sondern als Zeugnis bewusst gewählter Weiterentwicklung. Messer haben sich zurückgezogen, um Neues entstehen zu lassen. Mit Verbergen hat das nichts zu tun. Im Gegenteil. »Ich bin immer noch ein sehr großer Fan von dieser Jalousie«, sagt Otremba. »Ich finde diese Idee so super, dass man nichts dahinter sieht – das macht so viel auf!«

erschienen in: intro