Laura Marling über Lou Andreas-Salomé

(c) Holly Fernando

Auf ihrem neuen Album „Semper Femina“ erzählt die Folksängerin Laura Marling Geschichten von unterschiedlichen weiblichen Lebensentwürfen. Dafür diente ihr Lou Andreas-Salomé als Muse.

Für die Arbeit an meinem aktuellen Album war Lou Andreas-Salomé die wichtigste Inspirationsquelle. Das Meiste, was ich im vergangenen Jahr gelesen habe, handelte von ihr. Ich bin über eine Biographie von Rainer Maria Rilke auf sie aufmerksam geworden. Dort wurde sie gar nicht als besonders bedeutender Charakter eingestuft, aber als ich feststellte, dass sie noch ein ganz anderes Leben, abseits von Rilke, geführt hat, wusste ich, dass sie der eigentliche Star ist.

Andreas-Salomé war gebürtige Russin und besuchte die Universität in Zürich. Ich weiß nicht, welche Möglichkeiten Frauen Ende des 19. Jahrhunderts hatten, aber ihr früh verstorbener Vater ermutigte sie zu einer akademischen Laufbahn. In Zürich traf sie auf Friedrich Nietzsche und Paul Rée, mit beiden Männern lebte sie in einer freundschaftlichen Ménage à troi. Interessant ist, dass sie sich stark mit der Verbindung von Sexualität und Kreativität beschäftigt hat und damit, wie sehr die gesellschaftlich vorgegebene Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter ihre Kreativität beeinträchtigt hat. Andreas-Salomé heiratete später zwar, stellte aber die Bedingung, die Ehe nicht „sexuell zu vollziehen“.

Später studierte sie bei Anna Freud und Carl Gustav Jung. Andreas-Salomé hat sich mit der weiblichen Psyche auseinandergesetzt. Das gab es davor nicht. Sigmund Freud widersprach sie in seiner Theorie des Penisneids und argumentierte, den habe die weibliche Sexualität gar nicht nötig, weil sie aus sich selbst schöpfe. Sie hat sich Männern gegenüber sehr selbstbewusst behauptet und sich nicht den Mund verbieten lassen. Nietzsche wird das nicht sehr glücklich gemacht haben.

Besonders beeindruckend an ihr finde ich, dass sie, obwohl sie auf Augenhöhe mit Männern agierte, sich nicht verstellte oder ihr Frausein versteckte. Sie war extrem intellektuell und extrem weiblich. Das machte es ihr nicht leicht. Denn mit diesen Eigenschaften hieß man sie in den feministischen Zirkeln ihrer Zeit ebenso wenig willkommen wie in den akademischen Clubs der Männer.

Eines ihrer Essays ist besonders essentiell für mein Album gewesen. In „Henrik Ibsens Frauen-Gestalten“ nimmt sie Bezug auf die weiblichen Figuren in Ibsens Romanen. Es handelt von sechs verschiedenen Frauen, weiblichen Archetypen, und ihrer Rolle in der Gesellschaft. Dieses Essay hat meine Perspektive erweitert, wie ich Frauen betrachte. Es hat mir gezeigt, dass es unterschiedliche Menschen und Lebensentwürfe und keine allgemeingültige Antwort darauf gibt, wie eine Frau ihr Leben leben soll.

 

Laura Marling war Mitglied der Folkrock-Band Noah and the Whale, bevor sie mit 18 ihr Solodebüt veröffentlichte. „Semper Femina“ ist ihr sechstes Album, auf dem sie sich intensiv mit Geschlechterrollen auseinandersetzt.

Lou Andreas-Salomé (1861 – 1937) lebte drei Leben in einem: Sie war Schriftstellerin, Essayistin, Psychoanalytikerin. Intellektuell wie emotional prägte sie Männer wie Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke oder Sigmund Freud.

erschienen in: Missy Magazine